„Haut ab”, „Nazis raus”, und ähnliche Rufe hallten über die Bahnhofstraße, gestreckte Mittelfinge reckten sich in die Luft. Rund 460 Neonazis versammelten sich am späten Nachmittag auf der Bahnhofstraße vor dem Wincklerbad, und versuchten unter Pfiffen, lautem Tröten und Schmährufen der Gegendemonstranten ihre Kundgebung abzuhalten. Die Protestform der Privatpartys ermöglichte es wie im Vorjahr zahlreichen Bürgern, unmittelbar an der Marschstrecke der Rechtsextremen und am Kundgebungsort lautstark klarzumachen, was sie vom „Marsch der Ehre” durch Bad Nenndorf halten. Die Zahl der sich an den Privatpartys beteiligenden Protestler war gegenüber 2011 auf etwa 650 gestiegen. Sie begleiteten den Marsch der Rechtsextremen über die Bahnhofstraße mit Pippi-Langstrumpf-, und Schlumpf-Liedern, tanzten und zeigten ihre Protest-Transparente, bestimmten so die Atmosphäre. Während der Kundgebung vor dem Wincklerbad war von den Reden der Nazis so gut wie nichts zu verstehen. Zu laut waren die Gegendemonstranten, dazu funktionierte die Lautsprecheranlage der Rechtsextremen nicht richtig. Immer wieder beschwerten sich die Organisatoren des Aufmarsches bei den Einheitenführern der Polizei, drängten diese, die Lautstärke der Gegendemonstranten zu drosseln. Pflichtgemäß forderten die Beamten die Protestler auf, leiser zu sein. Kurze Zeit mäßigten sich die Gegendemonstranten, bald darauf brandete der Protest wieder in der vorherigen Intensität auf. Die Neonazis marschierten nach Abschluss der Kundgebung zurück über die buntgeschmückte Bahnhofstraße, hindurch zwischen der Lautsprechermusik, dem Trillerpfeifenklang und den Spottgesängen der Privatparty-Teilnehmer.
Die Aktionen gegen die Rechtsextremen hatten lange vor dem eigentlichen Marsch begonnen. Vier Blockierer beschäftigten die Polizei bereits seit Freitagabend. Sie hatten ihre Arme in einer rasch vor dem Wincklerbad aufgestellten Betonpyramide aneinander gekettet. Die Polizei sah von Versuchen ab, die Blockierer aus dieser komplizierten Konstruktion zu bekommen. Die Verletzungsgefahr für die Männer schien zu groß. So blieben diese über Nacht vor Ort, wurden am Sonnabend mit einer Fahrzeugkette vom Nazi-Aufmarsch abgeschirmt. Den Rechtsextremen blieb so weniger Platz für ihre Kundgebung vor dem Wincklerbad.
Rund 250 von der Polizei als Autonome eingeordnete Protestler beteiligten sich an Störaktionen im Bahnhofsbereich. Der angekündigte Marsch des „Bündnisses gegen Rechts” wurde kurzfristig abgesagt. Trotzdem versammelte sich eine Vielzahl von Demonstranten am Vormittag in der Nähe der Bahngleise. Acht von ihnen ketteten sich mit Fahrradschlössern an den Hälsen aneinander und setzten sich an den Rand des Bahnsteiges, weitere Blockierer setzten sich neben sie. Weil der Sicherheitsabstand zum S-Bahngleis unterschritten war, stoppten sie den Zugverkehr auf diese Weise für mehrere Stunden. Auch nachdem die Polizisten die Blockade aufgehoben hatten, versuchten Störer weiterhin, auf die Bahngleise zu kommen, später die Bornstraße zu blockieren.
Sie stoppten den Bahnverkehr für einige Stunden, verzögerten auch die Gegendemonstration von DGB und „Bad Nenndorf ist bunt” (nebenstehender Artikel) mit ihren etwa 700 Teilnehmern geringfügig. Die Behinderung des Bahnverkehrs erschwerte auch den Rechtsextremen die Anreise. Ein Großteil der Teilnehmer des „Ehrenmarsches” musste den Weg nach Bad Nenndorf von den Bahnhöfen in Haste und Bantorf zu Fuß zurücklegen unter Begleitung der Polizei. Einige zogen so schon vor dem eigentlichen Aufmarsch durch die Straßen der Kurstadt. Insgesamt verzögerte sich der Beginn des rechtsextremen Zuges um mehr als drei Stunden. Eine für den Abend in Hannover angemeldete Demonstration sagten die Nazis ab.
Die Zahl der rechtsextremen Marschierer war schon 2011 gegenüber den Vorjahren abgesunken. In diesem Jahr reduzierte sich die Teilnehmerzahl weiter auf rund 460 nachdem im Vorjahr rund 580 durch Bad Nenndorf marschiert waren.
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