Ein leises Surren erfüllt den Friseursalon, während der erste Zopf zu Boden fällt. Für viele ist ein Friseurbesuch Routine, doch für Mathai aus Rodenberg ist er eine echte Herausforderung. Der Zwölfjährige hat sich dennoch bewusst dafür entschieden, diesen Schritt zu gehen. Und das aus einem besonderen Grund.
Mehr als vier Jahre lang ließ Mathai seine Haare wachsen. Nicht aus modischen Gründen. Nun hat er aber ein klares Ziel vor Augen und überwindet sich: Er will die Haare spenden. Mitte Mai war es schließlich so weit. Gemeinsam mit seiner Familie machte er sich auf den Weg zu Nuri vom Salon „NUBA – Dein Friseur & Kosmetik“ in Bad Nenndorf. Dort stand ein Termin an, der für Mathai alles andere als selbstverständlich war.
Denn der Junge hat eine ausgeprägte Abneigung gegen das Haareschneiden. Das Gefühl der feinen Haare auf der Haut, das viele Menschen kaum wahrnehmen oder als harmlos empfinden, ist für ihn schwer auszuhalten. Trotzdem hielt er durch – getragen von dem Gedanken, anderen zu helfen.
Zöpfe werden versteigert
Dass Mathai diesen Schritt gewagt hat, ist keineswegs selbstverständlich und es war nicht einfach für ihn. Er lebt mit einer hochfunktionalen Autismusspektrumstörung (Asperger-Syndrom), und hat zudem Dyspraxie. Gerade deshalb ist die Überwindung für ihn besonders groß, und sein Engagement umso bemerkenswerter. Für ihn stand fest: Der gute Zweck ist wichtiger als die eigene Abneigung gegen die kitzelnden Härchen. Der Friseur Nuri kennt die Familie und Mathais Besonderheiten schon seit Jahren. Es war schon lange her, dass sich der Junge bei ihm auf den Friseurstuhl gesetzt hatte. Jetzt war es „endlich” soweit. Die Frisur, die sich beide nun ausgesucht haben, ist im Übrigen die, die Mathai auch schon früher hatte.
Am Ende lagen mehr als 120 Gramm Haar in vier Zöpfen auf der Waage. Sie werden nun an die Initiative „Rapunzel Haarspende“ des Bundesverbands der Zweithaar-Spezialisten übergeben. Dort werden die Spenden gesammelt und versteigert. Der Erlös kommt wohltätigen Zwecken zugute: Bei der vergangenen Auktion konnten so 201.500 Euro erzielt werden, die an die Deutsche Krebshilfe gingen. Für die nächste Versteigerung ist eine Unterstützung der Organisation „Ein Herz für Kinder“ vorgesehen.
Als Schere und Maschine schließlich zur Seite gelegt wird, ist nicht nur eine lange Mähne verschwunden und ein flotter Kurzhaarschnitt geschafft. Zurück bleibt das Gefühl, etwas Bedeutendes getan zu haben.
Lesen Sie mehr zum Thema Haarspende in unserer Serie „Wie geht das eigentlich” in der Ausgabe in 14 Tagen (13./14.Juni).
Was bedeuten Asperger-Syndrom und Dyspraxie?
Asperger-Syndrom:Das Asperger-Syndrom gehört zu den Autismus-Spektrumsstörungen. Betroffene Menschen haben oft Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation, verfügen aber meist über eine normale bis hohe Intelligenz. Häufig zeigen sie besondere Interessen und eine ausgeprägte Wahrnehmung für Details. Sinneseindrücke – etwa Geräusche oder Berührungen – können intensiver empfunden werden.
Dyspraxie:Dyspraxie ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die die Koordination von Bewegungen betrifft. Betroffene haben Schwierigkeiten, Bewegungsabläufe zu planen und auszuführen. Das kann sich im Alltag etwa beim Schreiben, Anziehen oder bei feinmotorischen Tätigkeiten bemerkbar machen. Auch Abläufe, die für andere selbstverständlich sind, erfordern oft mehr Konzentration und Übung.