Warum bloß, in aller Welt, befällt den Zuschauer nicht gähnende, lähmende Langeweile? Hier die Antworten: Aus allen sprudelt eine überschwappende Freude am Spiel, jede Regung wird überdreht in Szene gesetzt: Umarmungen wollen gar nicht enden, das Seufzen ist bis in den siebenten Himmel hinein zu vernehmen, Enttäuschung verendet im jaulenden Gejammere, Entrüstung der Tochter lässt selbst den gestrengen Vater alt aussehen. Allen voran rangiert hier Clarice, die Tochter des Kaufmanns Pantalon. Isabelle Scheiber, so zart und klein sie ist, wächst sie doch mit jedem Ausbruch ihrer Gefühle weit über sich hinaus und lässt die Zuschauer Zeit und Ort vergessen. Leitmotiv – hier mit „t” geschrieben – ist laut Anweisung der Regie die Auflage zu ironisierenden Brechungen, womit natürlich damals, vor über 250 Jahren, wie heute wohlsituierte Stände regelrecht verulkt werden sollen, so hier Advokat Lombardi, der sich aufplustert wie ein Gockel, Mathis Manz mit Namen, dem es zugleich gegeben ist, als Sohn dieses Gockels den glühenden Liebhaber zu platzieren, ein Meister seines Faches. Auch Florindo gab sein Bestes; Philipp von Derschau musste sich darauf einstellen, den gestrengen, oft ungehaltenen Herrn ins Feld zu führen und den arg gebeutelten Diener Truffaldino entsprechend mit Kopfnüssen zu peinigen. Beatrice, auf der Suche nach eben diesem Florindo, ihrem Geliebten, muss bis kurz vor dem Ende, da sich alle Knoten lösen, in die Rolle des Federigo Rasponi schlüpfen. Wacker versteht sie ihre Weiblichkeit zu kaschieren. Zu hinreißender Belebung trugen schließlich die musikalischen Einlagen bei. Christoph Hirschauer als Kaufmann Pantalone strich den Kontrabass, Isabelle Scheiber tirilierte auf diversen Flöten, Ramon Bessel begleitete verhalten mit dem Akkordeon den Gesang aller drei Interpreten. So sangen sie vom Glück der Anderen, „Das Leben ist oft ungerecht”, aber auch vom Aufbegehren gegen einen übermächtigen Papa und siehe da: „Am Ende geht doch alles immer so wie ich will”, schließlich das Lied der verliebten Mädchen: Wo, aber wo ist der Meine. Hoffen und Bangen und süßes Verlangen gehören zur Liebe dazu.” Ja, die Musik, arrangiert auch von Ramon Bessel, belebte die Szene außerordentlich. Die Münchner lieferten ein herrliches Finale dieser Theatersaison, einer Saison, die auch für Winfried Busse ein Finale ist. Zwanzig Jahre lang hatte er Winter für Winter den Nenndorfern mit jeweils sechs Theaterveranstaltungen Abwechslung geboten. Karl-Heinz Werner vom Kulturforum dankte ihm mit bewegenden Worten. Mit Frau Krage kann es zum Glück weitergehen. Man bleibe also dem Theater treu. Was sagt doch Winfried Busse? Ein Leben ohne Theater ist kein Leben.
Oskar Wedel