In den vergangenen Sommerferien stand ich oft unter meinem Carport, den Winkelschleifer in der Hand, und habe mich meinem alten BMW gewidmet. Wer schon einmal an einem älteren Auto geschraubt hat, kennt diesen Moment: Man schaut auf den Schweller und entdeckt Rost. Nicht nur ein bisschen oberflächlichen Flugrost, sondern tiefe, fressende Stellen, an denen das Metall bereits nachgibt. Für viele ist das der Moment, an dem ein Fahrzeug ein Fall für den Schrottplatz wird. Zu viel Arbeit, zu kaputt, zu wertlos. Doch ich blicke anders auf diese Stellen. Wo die Welt einen wirtschaftlichen Totalschaden sieht, erkenne ich das Potenzial. Also habe ich das Verfallene großzügig herausgeschnitten, neues Blech sorgfältig angepasst und das Schweißgerät angesetzt. Funken fliegen, das Material verschmilzt. Anschließend wird die Naht versiegelt, grundiert und neu lackiert. Am Ende ist die Stelle wieder stark – durch die neue Verbindung oft sogar widerstandsfähiger als zuvor. Es ist eine Arbeit, die Schweiß, Hingabe und eine klare Vision für das braucht, was wieder entstehen kann. In unserem menschlichen Miteinander ergeht es uns oft ähnlich wie solch alten Karosserien. Wir sammeln über die Jahre Dellen, Kratzer und manchmal auch tiefen emotionalen „Rost“ an. Zerbrochene Beziehungen, Enttäuschungen, Selbstzweifel oder Fehler, die an uns nagen und uns Substanz kosten. Unsere Leistungsgesellschaft urteilt dabei oft erschreckend schnell: Wer nicht mehr reibungslos funktioniert, wird aussortiert oder muss Schwächen zumindest verstecken. Wir versuchen dann, unsere rostigen Stellen mit etwas Farbe zu übertünchen, in der stillen Hoffnung, dass niemand so genau hinschaut und der Lack nicht abplatzt. Der christliche Glaube erzählt uns hier eine völlig andere Geschichte. Diese Botschaft gleicht einem unerschütterlich liebevollen Blick auf unsere Schrammen und unseren Rost. Gott sieht nicht den vermeintlichen Schrottwert, sondern das Original, das Meisterwerk, das unter all den Spuren des Lebens und der harten Witterung liegt. In der Begleitung durch den Glauben dürfen wir eine tiefe Wahrheit erfahren: Wir müssen nicht makellos sein, um unendlich wertvoll zu sein. Die göttliche Liebe arbeitet nicht mit billiger Spachtelmasse, die Risse nur oberflächlich glättet, bis sie bei der nächsten Erschütterung wieder aufbrechen. Sie geht in die Tiefe. Gott mutet uns zu, die rostigen Stellen unseres Lebens ehrlich anzuschauen, hält die Hitze aus, wenn es im Leben mal funkt und knirscht, und hilft uns dabei, wieder heil zu werden. Dabei geht es gar nicht darum, dass am Ende alles so aussieht, als wäre nie etwas passiert. Die Schweißnähte unseres Lebens – unsere Narben – dürfen bleiben. Sie erzählen unsere ganz persönliche Geschichte. Sie zeigen nicht, wo wir kaputtgegangen sind, sondern wo wir Heilung und neuen Halt erfahren haben. Vielleicht schauen Sie heute einmal anders auf Ihre eigenen inneren Baustellen. Sie sind niemals ein hoffnungsloser Fall. In Gottes Augen sind Sie es immer wert, bewahrt, erneuert und geliebt zu werden – mit jeder Delle und jeder Schramme, die das Leben hinterlassen hat.
Regionaldiakon i.A. der Seeprovinz Kirchengemeinden