Vier Pfoten im Klassenzimmer | Schaumburger Wochenblatt

Vier Pfoten im Klassenzimmer

BBS-Schulsozialarbeiterin Kerstin Fall bildet ihre „Miyu” als Schulhund für „Tiergestützte Intervention” aus. (Foto: ste)
BBS-Schulsozialarbeiterin Kerstin Fall bildet ihre „Miyu” als Schulhund für „Tiergestützte Intervention” aus. (Foto: ste)
BBS-Schulsozialarbeiterin Kerstin Fall bildet ihre „Miyu” als Schulhund für „Tiergestützte Intervention” aus. (Foto: ste)
BBS-Schulsozialarbeiterin Kerstin Fall bildet ihre „Miyu” als Schulhund für „Tiergestützte Intervention” aus. (Foto: ste)
BBS-Schulsozialarbeiterin Kerstin Fall bildet ihre „Miyu” als Schulhund für „Tiergestützte Intervention” aus. (Foto: ste)

Wie vierbeinige Pädagogen den Schulalltag revolutionieren, den Stress minimieren und die Lernfreude von Kindern und Jugendlichen nachhaltig steigern können, das zeigt der nachfolgende Bericht, zu dem wir uns mit der Schulsozialarbeiterin Kerstin Fall in der BBS Rinteln getroffen haben.

Wenn der Shiba Inu „Miyu” den Raum betritt, sinkt der Geräuschpegel schlagartig. Dabei schimpft der neue Kollege an der BBS nicht, er verteilt keine Noten und fordert keine absolute Ruhe ein. „Miyu” ist einer von rund 400 Schulhunden bundesweit, die im modernen Unterricht gezielt eingesetzt werden und in der BBS Rinteln insbesondere in der Schulsozialarbeit mit Frauchen Kerstin Fall. Ihr Erfolgsgeheimnis liegt in ihrer bloßen Anwesenheit, denn Hunde bewerten nicht. Sie unterscheiden nicht zwischen guten und schlechten Schülern, ignorieren Markenkleidung und schenken jedem Kind, Jugendlichen und Erwachsenen die gleiche, vorurteilsfreie Aufmerksamkeit. Diese bedingungslose Akzeptanz schafft im oft leistungsorientierten Schulsystem eine Oase der Sicherheit, die das Lernen auf erstaunliche Weise erleichtert und das Sozialverhalten nachhaltig beeinflusst.

Aus dem Tierschutz in die Schulsozialarbeit

Dabei hat „Miyu” eine Vergangenheit hinter sich, die einem die Tränen in die Augen treiben lässt und bei der man Verständnis hätte, wenn Miyu künftig keinem Zweibeiner mehr trauen könnte. In der WDR-Sendung „Tiere suchen ein Zuhause” wurde die Hündin vorgestellt. Im Tierheim war sie trächtig und mit gebrochenem Hinterlauf gelandet. Ihrem früheren Halter, Kerstin Fall nennt ihn eher einen „Hundevermehrer”, war sie weggelaufen und das möglicherweise aus gutem Grund. Denn ein ausgekugelter Hinterlauf zeugte auch von einer Gewalteinwirkung auf den Hund. Im Tierheim bekam sie ihre Welpen, dazu einige Platten und Schrauben in das gebrochene Bein. Dann landete sie bei Kerstin Fall. Ihr fiel auf: „Sie ist trotz ihrer Geschichte absolut menschenbezogen, total ruhig und friedlich, bellt so gut wie nie und ihre Ausgeglichenheit und innere Ruhe wirkt sich auch auf die Schülerinnen und Schüler der BBS aus”, so Fall. Da nehmen sich selbst die größten Raufbolde und Schreihälse zugunsten des Hundes zurück und zeigen Empathie und Rücksichtnahme.

Prüfung für „Tiergestützte Intervention”

„Miyu” ist bei Schulleiter Thomas Piepho eine gern gesehene Kollegin in der BBS. Die positiven Reaktionen bei seiner Schülerschaft geben dem Einsatz des Hundes recht. Miyu hat allerdings bis zum offiziellen Einsatz als „Schulhund” noch eine Prüfung abzulegen für „Tiergestützte Intervention”. Aber, so Kerstin Fall, das dürfte eine reine Formsache sein, denn zu 90 Prozent kann sie jetzt schon alle Anforderungen umsetzen. Einen Status als Lehrkraft mit entsprechender Besoldung wird Miyu allerdings nicht erlangen: „Das ist mein rein privates Vergnügen”, so Fall, denn der Landkreis zahle für den Einsatz des Hundes natürlich nichts.

Positive Wirkungen auch auf beeinträchtigte Menschen

Die positive Wirkung von Hunden auf die menschliche Psyche ist längst kein Geheimnis mehr und lässt sich sogar biochemisch nachweisen. Sobald Menschen einen Hund streicheln oder auch nur in seiner Nähe sind, schüttet ihr Körper das Bindungshormon Oxytocin aus, während die Produktion des Stresshormons Cortisol sinkt. Das senkt den Blutdruck und beruhigt den Puls. In der Praxis bedeutet das, dass unruhige oder hyperaktive Kinder und Jugendliche in Gegenwart eines Hundes spürbar schneller zur Ruhe kommen. Erfahrungen konnte Kerstin Fall dabei auch schon mit einem autistischen Schüler gewinnen, der durch Miyu deutlich mehr zur Ruhe kam. Tiere wirken als soziale Katalysatoren. Schüchterne oder isolierte Schüler, die sich sonst kaum am Unterricht beteiligen, tauchen durch den Vierbeiner aus ihrer Isolation auf. Sie sprechen über den Hund mit ihren Mitschülern oder trauen sich eher, vor der Klasse etwas vorzutragen. Da Hunde sensibel auf die Stimmung im Raum reagieren und bei zu viel Lärm unruhig werden, entwickeln Kinder ganz intuitiv eine höhere Empathie und Achtsamkeit für ihre Umwelt. Sie lernen, ihre eigene Lautstärke und Körpersprache anzupassen, um dem Tier eine angenehme Atmosphäre zu bieten – ein enormer Gewinn für das gesamte Klassenklima. Kerstin Falls Aufgabe ist es aber auch, die Bedürfnisse von Miyu im Auge zu behalten: „Wenn ich merke, dass es ihr zu viel wird in der Klasse, dann hat auch Miyu einen Ruhebereich für sich!”.

Mehr als ein nettes „Maskottchen”

Die bisherigen Erfahrungen von Schulen, die das Konzept der tiergestützten Pädagogik bereits über längere Zeiträume umsetzen, sind fast durchweg positiv. Evaluierungen und Erfahrungsberichte von Lehrkräften zeigen, dass die Tage, an denen der Hund anwesend ist, von deutlich weniger Konflikten und einer höheren Lernmotivation geprägt sind. Auch die Schulabsentismus-Quote – also das unentschuldigte Fehlen von Schülern – sinkt häufig, da die Vorfreude auf den vierbeinigen Begleiter den Schulweg erleichtert. Sie sind quasi „Eisbrecher” im Kontext Schule-Schüler. Natürlich setzt dieser Erfolg eine professionelle Basis voraus: Eine fundierte Ausbildung des Hund-Mensch-Teams, strenge Hygiene- und Sicherheitskonzepte sowie die freiwillige Zustimmung von Eltern und Kollegium sind zwingend erforderlich. Wo diese Rahmenbedingungen stimmen, zeigt sich jedoch immer wieder, dass der Schulhund weit mehr ist als ein nettes Maskottchen – er ist ein hochwirksamer Entwicklungshelfer auf vier Pfoten.


„Sie ist trotz ihrer Geschichte absolut menschenbezogen, total ruhig und friedlich, bellt so gut wie nie und ihre Ausgeglichenheit und innere Ruhe wirkt sich auch auf die Schülerinnen und Schüler der BBS aus”

Schulsozialarbeiterin Kerstin Fall


Sonja und Stephan Weichert
Sonja und Stephan Weichert
Freie Journalisten
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