In den letzten Jahren kennzeichnet sich sehr deutlich ab, dass die neue Generation an Schülern sich mit Frontalunterricht und stupidem Auswendiglernen nicht mehr zufrieden gibt. Viele Eltern verweigern immer öfter, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken. Konzepte wie Montessori, etwa 400 (Grund-)Schulen oder Waldorf (223 Schulen in ganz Deutschland) und weitere private freie Schulen erfahren durch Elterninitiativen Aufschwung. Ein Grund dafür ist auch die steigende Anzahl an Kindern, die sich an allgemeinbildenden Schulen verhaltensauffällig zeigen. Die neue Generation, den elterlichen Kriegsdramen so langsam entwachsen, legt Wert auf selbstbestimmte Bildung, eine neue Lebens- und Arbeitsbalance mit kreativem Input statt Akkordarbeit. Es scheint, als ob sie eine gesellschaftliche Veränderung bewirken wollen. Weg von Wettbewerb und Konkurrenz, hin zu einem eigenverantwortlichen Miteinander. Darauf reagieren die staatlichen Schulen nur schwerfällig. Auch fehlt es oft an geeigneten Lehrkräften, die den Lebenssinn der neuen Generation verinnerlicht haben und ihn im Unterricht auch umsetzen können, da sie selbst anders aufgewachsen und erzogen worden sind. Eine neueste Studie der Bertelsmann Stiftung besagt: Bis zum Jahr 2025 gehen knapp 60.000 Lehrer in den Ruhestand. Bildungsforscher meinen außerdem, dass es in Deutschland in den kommenden sieben Jahren über eine Millionen mehr Schüler geben werde, als von den Kultusministern prognostiziert. Mindestens 26.000 neue Lehrer würden dann gebraucht. Fraglich ist deshalb vielleicht, ob das Lehramtsstudium als solches ein neues Fundament bekommen muss: Empathie statt Leistungswillen. Neurobiologe Gerald Hüther sagt dazu: „Wenn aus unseren Schulen nur gute, gebildete Menschen herauskommen würden, die wüssten was sie wollten, müssten wir unser Wirtschaftssystem zu machen. Wir brauchen schlechte Schulen, damit wir Kunden haben, die den Müll kaufen, den wir ihnen andrehen wollen.” Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Wenn es um eine ganzheitliche Sichtweise geht, nimmt der Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft kein Blatt vor den Mund. Praktisch befasst er sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung. Er schreibt Sachbücher und arbeitet beispielsweise als Berater für Politiker und Unternehmer. 2015 gründete er die Akademie für Potentialentfaltung. In seiner Öffentlichkeitsarbeit geht es ihm um die Verbreitung und Umsetzung von Erkenntnissen aus der modernen Hirnforschung. Er versteht sich als „Brückenbauer” zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher beziehungsweise individueller Lebenspraxis. Ziel seiner Aktivitäten ist die Schaffung günstigerer Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potentiale. Große Klassen, wenig Lehrer: So sieht es in deutschen Schulen meist aus. Eine große Anzahl an Schülern in einer Klasse macht es nur einem Pädagogen unmöglich, auf die Interessen eines Einzelnen unterstützend einzugehen. So setzt das Schulsystem hintergründig auf Quantität statt Qualität, militärisch anmutende Strukturen. Disziplin und Leistung stehen im Vordergrund. Das „Klassenziel” muss erreicht werden. Die Inklusion scheint wie ein kläglich gescheiterter Versuch, Individualität in ein längst überholtes Konzept zu integrieren. So ist es jedoch heute nichts Neues mehr, dass Kinder keine Gefäße sind, die gefüllt werden müssen, um ein mündiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Vielmehr ist es wünschenswert, die von Natur aus angelegten Talente und Fähigkeiten eines Kindes individuell und in seinem Lerntempo zu fördern. Könnte der heutige Mangel an Fachkräften daran liegen, dass der Lehrplan „Allgemeinbildung” wertvolle Lernzeit verschenkt? Was bringt dem Kind jahrelanger Physikunterricht, wenn es an anderer Stelle Sprachen und Kunst in vollem Umfang ausleben könnte - seine in ihm angelegten Neigungen zum Ausdruck bringen könnte? Die Schule sollte eigentlich Grundpfeiler zur Erhaltung einer solidarischen Gemeinschaft sein. „Die primären Lernerfahrungen, das sind Erfahrungen in der lebendigen Beziehung zu einer anderen lebendigen Person und so müsste es eigentlich die ganze Zeit bleiben, weil das Kind nur in diesem Modus diese Fähigkeit erwirbt, das Wissen was die andere Person hat, auch für sich zu übernehmen. Und leider passiert es uns in unserer Gesellschaft mit jedem Kind über kurz oder lang, dass das Kind diese Erfahrung gebrochen bekommt, das heißt, es erlebt plötzlich, dass es so wie es ist, nicht richtig ist, dass es anders sein soll, dass es mehr tun soll. Es wird Objekt der elterlichen Erwartungen, der erzieherischen Maßnahmen, der elterlichen Hoffnungen und Wünsche und auch der Bewertungen”, so Gerald Hüther. Foto: wa/Josef Fischnaller