Ein vielseitiger, virtuoser und genreübergreifender Konzert- und Rezitationsabend war angekündigt – unter dem Motto: „Äpfel und Birnen: Und ich vergleich sie doch!“ Doch was konnte man sich darunter vorstellen? Gibt es in Liedliteratur, Prosa und Dichtkunst tatsächlich einen Fundus, der einer solchen Überschrift gerecht wird? Lässt sich damit ein ganzer Lieder- und Rezitationsabend gestalten?

Spätestens beim Verlassen des Festsaals im Stift Obernkirchen am frühen Sonntagabend wussten die zahlreich erschienenen Gäste: Ja – dieser Schatz ließ sich heben. Die Schatzfinderin war die Mezzosopranistin Beate Josten, die gleichermaßen im klassischen Kunstgesang wie im Chanson zu Hause ist, begleitet vom Pianisten Ashley Hribar, bekannt sowohl für seine klassische Virtuosität als auch für seine improvisatorische Fantasie.

Paradiesische Urzustände

Sofort ging es zur Sache: Wen und was kann man nicht alles mit diesem Kernobst in Verbindung bringen: Wilhelm Tell, Isaac Newton, Adam und Eva – sie alle fanden gleich im eigens getexteten Eingangsstück, das zugleich auch musikalische und witzig ironisierende Visitenkarte der Künstlerin war, ihre berechtigte Erwähnung. Paradiesische Urzustände, in denen der Apfel eine nicht unwesentliche Rolle spielte, wurden vorgestellt, Heinz Erhardts lyrische Verarbeitung seiner Konfrontation mit einer Made beim fraglichen Genuss eines Apfels, die segensreiche Bedeutung des von Ribbeck im Havelland (wunderbar rezitiert mit improvisatorischem Klangteppich des Klaviers unterlegt), das bekannte „Das klinget so herrlich“ aus Mozarts Zauberflöte in seiner direkten musikalischen Verwandtschaft zum Volkslied „In einem kleinen Apfel“ bis hin zum Gebet eines Schmetterlings – anrührend vorgetragen und gleichzeitig in wenigen schlichten Sätzen daran erinnernd, wie wunderbar und erhaltenswert die Schöpfung und unsere Natur ist.

Überhaupt wurde aus der sehr klugen Auswahl der unter anderem aus Irland, Polen und Italien stammenden Volkslieder deutlich, wie viele Ableitungen sich aus Natursymbolen wie dem Apfel, der Birne und der Urmutter allen Kernobstes, nämlich der Rose, machen lassen – hin zu großen Themen wie Liebe, Sehnsucht, Krieg, Traurigkeit und Hoffnung. Die Auswahl der Stücke und die rezitatorisch sehr professionelle und sängerisch gelungene Darbietung machten diese Veranstaltung zu einem lehrreichen, amüsanten, aber auch sehr berührenden Erlebnis, in dem der pianistisch virtuose „Hummelflug“ von Rimsky-Korsakows nicht fehlen durfte und das mit Schuberts schlichter und gleichzeitig großartiger Hommage „An die Natur“ mit begeistertem Applaus seinen Abschluss fand.