Nach rund zwei Jahren ohne feste Führung ist die Außenstelle Schaumburg der Opferhilfeorganisation Weißer Ring wieder vollständig handlungsfähig. Petra Bergmann bringt als neue Leiterin 41 Jahre Berufserfahrung bei der Polizei mit, darunter eine langjährige Tätigkeit bei der Kriminalpolizei. Zuletzt war sie als Kriminalhauptkommissarin in Stadthagen im Einsatz. Während der Vakanz wurden Beratungen zu Opferhilfe und Kriminalprävention durch ehrenamtliche Kräfte aus Hannover und Hameln abgedeckt.
In ihrer beruflichen Laufbahn befasste sich Bergmann schwerpunktmäßig mit Gewaltdelikten, insbesondere mit Sexualstraftaten und Fällen häuslicher Gewalt. Nach ihrer Pensionierung vor etwa zwei Jahren suchte die 64-Jährige bewusst nach einer Möglichkeit, sich weiterhin ehrenamtlich zu engagieren. Die Anfrage, die Leitung des Weißen Rings in Schaumburg zu übernehmen, kam aus ihrem früheren beruflichen Umfeld, initiiert von ihrer ehemaligen Dienststellenleiterin Tamara Ehrmantraut-Riechers.
Durch ihre langjährige Tätigkeit bei Polizei und Kripo verfügt Bergmann über ein weitreichendes Netzwerk. Sie kennt zahlreiche Einrichtungen und Initiativen, darunter soziale Träger, Selbsthilfeorganisationen sowie spezialisierte Beratungsstellen wie das Frauen- und Mädchenberatungszentrum Basta. Dieses Netzwerk wurde bei ihrer Amtseinführung mehrfach hervorgehoben. Der niedersächsische Landesvorsitzende des Weißen Rings, Steffen Hörning, sprach von einem „Glücksfall“, dass Bergmann für diese Aufgabe gewonnen werden konnte. Auch Landrat Jörg Farr betonte den hohen Wert ihrer Kontakte für die Arbeit der Opferhilfe in der Region.
Auch Schaumburgs Kreisbrandmeister Klaus-Peter Grote ergriff bei der Veranstaltung das Wort. Er betonte die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit aller Hilfs- und Unterstützungsangebote im Landkreis. Grote lud den Weißen Ring ausdrücklich ein, Teil des bestehenden Netzwerks zu werden, das sich aus allen Hilfsorganisationen des Landkreises Schaumburg zusammensetzt und 2018 einen sogenannten „Runden Tisch“ gegründet hat, um sich regelmäßig auszutauschen und besser zu vernetzen. Bergmann nahm die Einladung dankend an. Beide Seiten hätten ähnliche Berührungspunkte, machte Grote deutlich, „Wir beide haben ja das gleiche Malheur, wir kommen immer dann, wenn es schon zu spät ist“, sagte der Kreisbrandmeister mit Blick auf die Einsätze von Feuerwehr und Opferhilfe. Umso wichtiger ist eine Vernetzung untereinander und Präventivarbeit.
Bergmann selbst sieht ihre Erfahrung als zentrale Grundlage für die neue Aufgabe. Sie habe über Jahrzehnte unmittelbar erlebt, welche Folgen Straftaten für Betroffene haben. Hinzu komme ihre Kenntnis der rechtlichen Abläufe und der zuständigen Stellen.
Besonders kritisch bewertet sie den Umgang mit Opfern innerhalb strafrechtlicher Verfahren. Täter durchliefen klar strukturierte Abläufe, während für Betroffene menschliche Zuwendung häufig zu kurz komme. Genau hier leiste der Weiße Ring unverzichtbare Arbeit, so Bergmann.
Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Weißen Rings seien als Opferhelfer ausgebildet und fungierten als Lotsen durch ein oft unübersichtliches System. In Schaumburg besteht das Team derzeit aus sieben Ehrenamtlichen, die statistisch etwa zwei Fälle pro Woche betreuen. Seit April des vergangenen Jahres arbeiten sie bereits zusammen und haben den Weißen Ring vor Ort wieder aufgebaut. Bis zur offiziellen Amtseinführung Bergmanns erfolgte dies unter der Federführung des Landesbüros, da eine eigenständige Arbeit ohne Leitung nicht möglich war.
Zu den Einsätzen der Schaumburger Außenstelle zählte in der Vergangenheit auch die Betreuung von Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit dem Missbrauchskomplex im ostwestfälischen Lügde. In dem Fall, der Anfang 2019 öffentlich wurde, waren über Jahre hinweg zahlreiche Minderjährige Opfer schwerer Straftaten geworden. Die vom Weißen Ring Schaumburg begleiteten Betroffenen waren zum Tatzeitpunkt zwischen acht und 18 Jahre alt.
Der Weiße Ring ist die größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität in Deutschland und feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Bundesweit engagieren sich mittlerweile rund 3000 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in etwa 400 Außenstellen. In Niedersachsen gibt es 42 Außenstellen mit insgesamt 318 Ehrenamtlichen. Die Organisation unterstützt Opfer unabhängig von der Art der Straftat, von Gewalt- und Sexualdelikten über Stalking, Betrug und Einbruch bis hin zu Mobbing. Neben persönlicher Betreuung gehören Begleitungen zu Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht, rechtliche Unterstützung sowie finanzielle Hilfe in Notlagen zum Angebot. Damit setzt sich der Weiße Ring konsequent für die Rechte und Belange von Opfern ein.
Kontakt finden Betroffene oder Angehörige in Schaumburg unter andrem auf der Internetseite des Weißen Rings Schaumburg www.schaumburg-niedersachsen.weisser-ring.de