Wie entsteht öffentliche Meinung und wie schützt man die Demokratie vor Desinformation? Beim Auftakt des neuen Formats „Bürgerstiftung im Dialog“ im Gasthaus Vehlen warnte Journalist Georg Mascolo vor reißerischen Schlagzeilen sowie „Fake Reality“ – und diskutierte gemeinsam mit regionalen Akteuren über die Macht der Medien und die Dringlichkeit von Medienkompetenz. Um diese Mechanismen, die Macht von Bildern und den Wert verlässlicher Informationen ging es bei der Premiere der Reihe.
Mit dem Jahresthema „Demokratieförderung“ traf die Bürgerstiftung Schaumburg exakt den Nerv der Zeit. Seit 22 Jahren engagiert sich die Stiftung für Bildung und Jugendförderung. Der Andrang war entsprechend groß: 170 Vertreter aus Politik, Bildung und Wirtschaft füllten den Saal des Gasthauses Vehlen – jenen Ort, den Gastredner Georg Mascolo noch aus seiner Jugend als Diskothek „Herz As“ kannte. Stiftungsvorsitzender Bernward Altmeppen betonte zu Beginn: „Heute geht es um die Macht von Bildern und Schlagzeilen und wie die öffentliche Meinung entsteht und beeinflusst wird!“
Die Demokratie ist kein Schützengraben
Mascolo, einst Chefredakteur des Spiegel und Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, warnte eindringlich davor, schlechten Journalismus vorschnell mit „Fake News“ gleichzusetzen. Fehler seien zwar handwerklich schlecht, aber von gezielter Desinformation zu trennen. Zugang zu verlässlichen Informationen sei ein Grundrecht: Journalismus müsse „informieren, nicht missionieren“. Eindringlich mahnte er: „Die Demokratie ist kein Schützengraben. Sie lebt davon, dass wir uns zuhören.“ Angesichts von KI warnte er vor „Fake Reality“, die noch tiefer gehend ist als bloße Fake News. Mascolo ist überzeugt: Die kritischste Infrastruktur des Landes sei die Demokratie selbst. Den Lesern riet er, abweichende Meinungen zu prüfen und sich in unterschiedlichen Medien über ein Thema tiefgreifender zu informieren. Zudem forderte er von der Politik, Medienkompetenz fest in Lehrplänen zu verankern.
Appell zu mehr gesundem Menschenverstand
In der anschließenden Diskussionsrunde wurden die Perspektiven vertieft. Marc Fügmann (Chefredakteur Schaumburger Nachrichten) betonte die Rolle des Lokaljournalismus für die Glaubwürdigkeit, mahnte aber: „Es braucht immer eine kritische Distanz zu den Menschen!“ Zudem erschwerten wirtschaftliche Zwänge die Arbeit. Kreishandwerkermeister Dieter Ahrens kritisierte reißerische Schlagzeilen wie „Habeck will Öl- und Gasheizungen verbieten“, die Kunden verunsichert und das Handwerk belastet hätten. Er plädierte für „weniger Panik und mehr gesunden Menschenverstand“. Dr. Lena Sebening (Bildungsarbeit ehemalige Synagoge Stadthagen) gestand: „Ich weiß, dass ich den Kampf gegen Social Media nicht gewinnen kann.“ Gefährlich sei es, wenn Jugendliche in Filterblasen lebten und „Fakten zu Meinungen degradiert werden und Meinungen zu Fakten aufsteigen“. Bernadette Unger-Knippschild (VHS Schaumburg) unterstrich, dass die VHS seit Jahren auf Medienbildung und Faktenchecks setze. Eine einfache Musterlösung gegen Fake News gebe es zwar nicht, doch Mascolo forderte eine Kombination aus Regulatorik, Algorithmen-Anpassung, Medienkompetenz und einer besseren Fehlerkultur in den Medien. Sein Resümee: „Die Zeiten sind schwierig, machen wir etwas daraus!“
„Ich weiß, dass ich den Kampf gegen Social Media nicht gewinnen kann.“