Vermutlich ist in den vergangenen zwei Wochen genügend über Schnee, ausgefallene Schulzeiten, unbefriedigende Räumdienste und und und geschrieben worden. Fragen Sie mal die kleineren Kinder. Viele haben zum ersten Mal diese Form des Niederschlages gesehen. Ob sie wohl wissen, dass jede der Milliarden von Schneeflocken ein Unikat ist? Das jedenfalls behaupten Wissenschaftler und ich werde das nicht infrage stellen. Die Kinder freuen sich – Schneemänner bauen, Schneeballschlachten veranstalten und freie Schultage. Als ich am Wochenbeginn zum Schneeräumen nach draußen ging – mit schlechten Gewissen, da es ja schon acht Uhr war und der Gesetzgeber uns zum Räumen bis sieben Uhr verdonnert hat – begrüßte mich unsere siebenjährige Nachbarin mit gezielten Schneeballwürfen. Daraus entwickelte sich eine Schneeballschlacht und ich gab mich nach zehn Minuten mit eiskalten Fingern geschlagen. Frisch gefallener Schnee hat unser schönes Schaumburger Land in eine weiße Wattewelt mit Ansichtskartenpotential verwandelt. Weiß steht für Sauberkeit und Reinheit. Schneebedeckte Landschaften werden mit poesievollen Namen beschrieben. Niemand sieht mehr, wie es darunter aussieht. Kurz vor der norddeutschen Winterkatastrophe hatte ich noch mehrere Berge von Bauschutt – ziemlich sicher mit Asbest verseucht – auf dem Weg zu einem Entsorgungszentrum entdeckt und natürlich fotografisch gesichert.
Zugedeckt mit Watteweiß
Jetzt hatte der Wettergott für ein paar Tage ein Einsehen gezeigt und den Umweltfrevel, Zigarettenstummel, Hundehaufen, Einkaufszettel und Plastik in allen Variationen mit dem Mantel der … nicht Liebe, sondern des Schnees bedeckt. Warten wir einmal ein paar Tage, wenn mit den ersten Frühlingsgefühlen das Watteweiß verschwindet. Dann werden die Umwelttaten wieder sichtbar, vermischt mit Streusalzresten, diversen Abstumpfungsmitteln wie Sand oder auch Asche. Hier und da treten noch Sylvesterraketenreste und verschossene Sekt- oder Champagnerkorken zu Tage. Nicht zu vergessen, die aus dem Auto geworfenen Verpackungsreste bekannter Drive-In-Schnellrestaurants. Kürzlich habe ich einen schönen Vergleich entdeckt. Zwischen dem einfach fortgeworfenen Müll und den guten Jahresvorsätzen zum Fitnessstart, der Erledigung der Steuerklärung oder des Garagenaufräumens gibt es eine Ähnlichkeit: Er verschwindet nicht einfach dadurch, dass ich ihn ignoriere. Kurzzeitig eingepackt in einen wollweißen Pullover, tritt unser Zivilisationsmüll wieder aus dem Winterschlaf hervor. Illegale Müllentsorgung - und das ist nicht nur der im Wald entsorgte Kühlschrank mit giftigen Kühlmitteln oder die Altreifen in der Hoffnung, daraus würde einmal ein Gummibaum wachsen, wenn man lange genug wartet – ist kein Kavaliersdelikt. Vielmehr ist es eine Frage von Charakter und Sozialisation, sich seiner eigenen Verantwortlichkeit zu entsorgen – im wahrsten Sinne des Wortes. Letztendlich bezahlen wir alle mit unseren Steuern und Abgaben für die Beseitigung dieser Respektlosigkeit. Die Kommunen müssen Personal und Material einsetzen, damit es nicht aussieht „wie bei Hempels unterm Sofa“ – sorry an alle Familien namens Hempel! Ja, der Schnee – hoffentlich nur wenige Tage im Jahr – hat auch etwas Gutes. Er zeigt uns die Illusion einer wunderbaren weißen, reinen Winterwelt – bis zum Tauwetter.
Mit einem Apell an alle Müllwegwerfer, wünsche ich uns einen guten Start in die wärmere Hälfte des Jahres,
Ihr Axel Bergmann