Die Einsamkeitsproblematik – nicht nur um die Weihnachtszeit herum – ist mittlerweile in Deutschland so stark, dass selbst das Bundesfamilienministerin Karin Priehn das Thema für sich entdeckt hat und Strategien gegen Einsamkeit entwickelt. Wir wollten wissen, wie man lokal „gemeinsam gegen einsam“ vorgehen kann und treffen uns mit Claudia Zehrer und Christel Grannemann-Bülte aus dem Rintelner Mehrgenerationenhaus. Grannemann-Bülte ist zuständig unter anderem für Familenberatung und die „Generation 50+“, sie leistet Familienhilfe, Lebensberatung und Seniorenberatung und ist deshalb besonders dicht dran an dem Thema Einsamkeit.
Einsamkeit zum Weihnachtsfest trifft viele Menschen – oft sieht es von außen so fröhlich aus, während innen Leere oder Traurigkeit herrschen. Die leeren Stuben, das gedämpfte Licht, die Gedanken an frühere Familiengeräusche in derr Wohnung können schmerzhaft erinnern, dass man sich alleine fühlt. Einsamkeit hat viele Ursachen: Veränderungen im Leben wie Umzug, Scheidung, Krankheit, Arbeitslast, der Verlust sozialer Rituale, Pflegebedürftigkeit oder Verlust des geliebten Partners. Die Folgen davon können sein: Innere Isolation, das Gefühl, nicht dazuzugehören oder nicht verstanden zu werden. Einige Menschen werden verbittert und dadurch noch weniger gesellschaftstauglich. Ein Teufelskreis. Fakt ist: Einsamkeit macht krank. Außerdem werden in den Medien hohe Erwartungen – beispielsweise an das Weihnachtsfest - geweckt: Bilder von perfekten Festtagen, das erzeugt Druck. Dabei gibt es praktische Ideen, Einsamkeit zu lindern, wie das Schaumburger Wochenblatt im Gespräch mit Christel Grannemann-Bülte und Claudia Zehrer erfährt. Rund 600 Kontakte mit Menschen im Jahr hat Grannemann-Bülte unter anderem im Kampf gegen die Einsamkeit. Außerdem bietet das Mehrgenerationenhaus viele Angebote, aus denen sich bereits gruppendynamische Prozesse entwickelt haben, die Menschen raus aus ihrer Einsamkeit reißen. Da ist beispielsweise der Aquarellmalkurs, dessen Teilnehmende sich mittlerweile zu einer Gemeinschaft entwickelt haben, die sich gegenseitig in vielen Lebenslagen hilft. Oder der „pickepackevolle“ Strickkurs, der sich immer montags trifft und dessen Mitglieder einen großen Zusammenhalt leben. Der Kurs, so Grannemann-Bülte, biete aktuell die höchsten sozialen Benefits.
Einsamkeit ist die kleine Schwester der Armut
Geld ist zwar nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts. So stellt das Team des Mehrgenerationenhauses auch fest, dass es besonders älteren Menschen häufig auch an finanziellen Möglichkeiten oder Mobilität mangelt, um Interessen zu verfolgen. Deshalb bietet das Mehrgenerationenhaus auch niederschwellige und kostengünstige Angebote, um Menschen zusammenzubringen. „Wenn sich ein sozial einsamer Mensch traut, in eine unserer Gruppen zu kommen, ist das schon mutig und der erste Schritt zurück in die Gemeinschaft!“ Denn aus der Einsamkeit zurück ins Leben zu finden ist schwer. Deshalb netzwerkt Christel Grannemann-Bülte auch mit allen, die ebenfalls Angebote für ältere Menschen bieten. Darunter die katholische Kirchengemeinde, die mit „Donnerstags um Drei“ ein attraktives Angebot für Zusammenkünfte geschaffen hat. Die Gruppe bietet übrigens auch am Heiligabend um 18.30 Uhr die Möglichkeit einer ökumenischen Zusammenkunft im Gemeinderaum der katholischen Kirche an, damit niemand einsam am Heiligen Abend ist. Anmeldung für Essen, Trinken, Singen und Feiern bei den jeweiligen Pastoren der eigenen Kirchengemeinde.
Appell: „Macht die Augen auf!“
Der klare Appell aus dem Mehrgenerationenhaus lautet: „Macht die Augen auf, was in eurer Nachbarschaft passiert und fragt Euch: Was können wir vielleicht tun!“ Doch das Team weiß auch: „Das klingst erst einmal einfacher, als es in Wirklichkeit ist!“ Hilfsangebote gegen Einsamkeit bräuchten nämlich eine gehörige Portion Fingerspitzengefühl, aber manchmal reiche es schon, wenn man eine Tüte Kekse an die Haustür hänge und damit einen ersten Kontakt herstelle und den Menschen signalisiere: „Du bist nicht alleine!“
Was kann man selbst tun?
Wer feststellt „Ich bin einsam!“ kann sich auch selbst am eigenen Kragen ein Stück weit aus der Situation herausziehen. Dazu braucht es aber zu Beginn vor allem die Erkenntnis, das man sich die Einsamkeit eingesteht. Und dann sollte man die Angebote und öffentliche Räume seiner Stadt kennen und auch nutzen. Wie wäre es beispielsweise, so Grannemann-Bülte, wenn man sich ehrenamtlich engagiert. Das hilft nämlich nicht nur anderen, sondern auch einem selbst. Verbindende Kontakte suchen wie Freunde, Nachbarn oder Kollegen anrufen, eine Nachricht schreiben. Offene Gastgeber finden wie lokale Advents- oder Weihnachtstreffs, Freiwilligenarbeit im Servicebetrieb, Kirchengemeinden oder Nachbarschaftsgruppen bieten oft Gelegenheiten, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Außerdem sollte man realistische Erwartungen an den Tag setzen: Nicht jeder Tag muss perfekt sein. Wenn Einsamkeit sehr stark ist oder zu Suizidgedanken führt, ist es wichtig, sofort Hilfe zu suchen. In Deutschland kann man rund um die Uhr Hilfe unter Telefonseelsorge erreichen (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222) oder eine Notrufnummer wählen. Immer im Hinterkopf haben: „Du musst diese Gefühle nicht allein tragen.“