Der bekannte Ausspruch von Opa Hoppenstedt in dem Loriot-Sketch „Weihnachten bei den Hoppenstedts“ (1978), hat mich zu ein paar Bemerkungen anlässlich der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft inspiriert. Ich will hier ausdrücklich nicht über das unrühmliche Ausscheiden im Sechzehntel-Finale resümieren. Auch die total irre Planung der Veranstaltung über drei Kontinente hinweg, soll nicht Gegenstand meiner Überlegung werden. Die horrenden Ticketpreise, Preise für Essen und Getränke oder gar für Öffi-Tickets habe ich schon fast vergessen. Ebenso wie mein heftiges Kopfschütteln über den schweizerisch-italienisch-libanesischen FIFA-Präsidenten Giovanni Vincenzo Infantino. Was um Himmels Willen hat ihn geritten, dem amerikanischen Präsidenten einen speziell für ihn erfundenen Friedenspreis zu überreichen? Ach nein – nicht überreichte – den nahm sich Donald Trump selbst vom Tisch. Das alles stört mich, wie so viele andere Menschen auch.
Wo sind die Fahnen und Wimpel geblieben?
Vielmehr fällt mir auf, dass wir in Deutschland ganz offensichtlich das frühere Mitfiebern, die offen gezeigte Begeisterung mit der deutschen Equipe, so ziemlich verloren haben. Ich frage einmal in die Runde: Wieviele Autos haben Sie mit Fahnen an den Fenstern entdeckt? Wie viele Deutschlandfahnen hängen an Masten, aus Fenstern oder an Balkonen? Wie viele (richtige) Public-Viewings haben Sie im Landkreis entdeckt? Ohne jemanden beeinflussen zu wollen, aber ich habe tatsächlich einmal darauf geachtet. Natürlich gibt es das am Waterloo-Platz in Hannover und anderswo in den Großstädten. Was aber ist bei uns? Einige wenige Gastronomen haben handelsübliche Fernseher in und sogar vor ihren Lokalen aufgebaut. Am lauschigen Abend kann man dort in gemütlicher Runde das ein oder andere Spiel ansehen. Okay-teilweise liegt es an den für unsere Breitengrade ungünstig gelegenen Anstoßzeiten. Gerne erinnere ich mich jedoch an die Riesenleinwand auf dem Marktplatz vor der Sparkasse (ich glaube 2010) mit unendlich vielen Reihen Festzeltgarnituren. Stimmung wie im Stadion und kalte Getränke im Überfluss. Auch das Public-Viewing im Landsberg‘schen Hof war grandios. Selbst das Ausscheiden im Halbfinale gegen Spanien verlieh der Stimmung keinen Abbruch. 2006 war Deutschland Gastgeber – zugegeben.
'54, '74, '90, 2006
Das allein kann aber nicht den Unterschied zur heutigen Fan-Wüste Deutschland machen. 2006 – das war ein Land in Partystimmung, ein Land im Jubelrausch, ein Meer von Fahnen, Flaggen, Wimpeln, Girlanden und bemalten Gesichtern. Kaum jemand kennt nicht den „Sommermärchen-Hit“ der Sportfreunde Stiller: `54‚’74, `90, 2006. Über eine dreiviertel Million Menschen feierten am Brandenburger Tor und die Stimmung hielt. Es gab Zeiten, da wurde an Arbeitsplätzen und in Büros fast mehr über Abseits und 4-4-2- Systeme gefachsimpelt, als über Umsatzzahlen und Gehaltserhöhungen. Vielleicht sind die beiden Vorrunden-Aus der Jahre 2018 und 2022 mit ein Grund für das Sinken der Euphorie auf Basisniveau. Vielleicht erkennen viele auch den übermäßigen Einfluss von Sponsoring (Stichwort Einführung der Hydration-Breaks), Politik (siehe oben), oder auch von zu viel Geld in den Beinen (Stichwort 100 Millionen Euro für einen Vereinswechsel). Ich kenne noch die Aussagen aus meiner Jugend: „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt!“ Heute sage ich dazu: „Na-ja…“. Ein guter Bekannter und überzeugter Fußball-Fan bemerkte mir gegenüber kürzlich, dass Fußball auch für ihn geworden sei, wie ein lauwarmes Stadionbier oder der ungenießbare Kaffee für vier-fünfzig – er gehört einfach dazu. Fan-Euphorie klingt anders, der WM-Fan, zumindest in Deutschland, hat sich augenscheinlich verändert. Nun ja, Tennis im Wimbledon hat begonnen – und es gab ja auch mal einen Hype um Steffi Graf und Boris Becker.
Nach der WM ist vor der EM, viel Spaß weiterhin allen Fußballfans,
Ihr Axel Bergmann