Wer in Rinteln an den Bahnübergängen der Mindener Straße oder der Stoevesandtstraße unterwegs ist, braucht oft eine gehörige Portion Geduld. Tag für Tag stauen sich hier die Fahrzeuge vor geschlossenen Schranken. Mindestens 34 Personenzüge passieren die Strecken an Werktagen – Güterzüge noch gar nicht mitgerechnet. Wir haben nachgemessen und bei einem Zug aus Richtung Hameln zwei Minuten, fünf Sekunden und 46 Hundertstel gemessen. Bei Zügen in Richtung Hameln kann man getrost noch ein bis zwei Minuten drauf geben. Der Grund für die spürbar langen Wartezeiten liegt in der alten Technik: Die Schranken werden noch von Hand aus einem mechanischen Stellwerk heraus bedient. Ein Blick hinter die Kulissen vor Ort, um die genauen Abläufe und Schließzeiten nachzuvollziehen, bleibt der Öffentlichkeit jedoch verwehrt.
Absage von der Bahn: Kein Einblick aus „Zeitgründen”
Ein angefragter Vor-Ort-Termin für die Rintelner Stellwerke wurde von der Deutschen Bahn offiziell abgelehnt. DB-Pressesprecher Ole Constantinescu begründete dies im Kern mit dem veränderten Betriebsablauf und personellen Ressourcen. Aus „Zeitgründen“ wolle man sich nicht in die Karten des handbetriebenen Stellwerks schauen lassen. Grundsätzlich betont die DB InfraGO, dass der Zugang zu Stellwerken ausschließlich Befugten vorbehalten ist, da dort die Fahrdienstleiter für die operative Sicherheit im Zugverkehr sorgen. Eine ausführliche Begutachtung oder Erläuterung der traditionellen mechanischen Abläufe direkt vor Ort passe derzeit schlicht nicht in den straffen Zeitplan und das Tagesgeschäft des Personals.
Vorgeschobene Gründe: Technik von Vorgestern
Recherchen im Internet zeigen, dass die Bahn in diesem Fall offensichtlich nicht aus - wie sie selbst sagt - Sicherheitsgründen mauert. So berichtete beispielsweise die Stuttgarter Zeitung noch im Januar diesen Jahres über das mechanische Stellwerk in Satteldorf und beschrieb es als eines der letzten handbetriebenen Stellwerke im Land, das für Beschäftigte noch „echtes Bahn-Feeling“ biete. Eine positive Berichterstattung lässt die Bahn also zu, kritisch hinterfragen lassen will die Bahn die museumsreife Stellwerktechnik offensichtlich nicht.
Sicherheit vs. Geduld: Warum dauern die Schließzeiten so lange?
Nach Angaben der Bahn gilt für Schranken der Grundsatz: „So kurz wie möglich, so lange wie nötig.“ Wie lange eine Schranke geschlossen bleibt, hänge maßgeblich von den örtlichen Gegebenheiten und der verwendeten Technik ab. Während moderne elektronische Stellwerke (ESTW) oder digitale Stellwerke (DSTW) Schließzeiten punktgenau und automatisiert steuern können, erfordert die alte mechanische Stellwerkstechnik in Rinteln manuelle Arbeitsabläufe durch den Fahrdienstleiter. Zusätzlich sorgen unregelmäßige Zugfahrten für Verzögerungen: Insbesondere lange Güterzüge lassen sich im Betriebsablauf oft nur kurzfristig disponieren. Um den Sicherheitsanforderungen des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) zu genügen, müssen die Schranken in solchen Fällen weit im Voraus geschlossen werden.
Perspektive: Rückbau von Bahnübergängen und Modernisierung
Die Deutsche Bahn verweist darauf, dass die Zahl mechanischer Stellwerke bundesweit seit Jahren rückläufig ist und Schritt für Schritt durch moderne ESTW-Technik ersetzt wird. Zudem arbeiten DB InfraGO, Bund und Kommunen gemeinsam daran, die Gesamtzahl von Bahnübergängen zu reduzieren, in Rinteln beispielsweise sollen die Bahnübergänge „Gut Echtringhausen“ und „In der Rehre“ dauerhaft geschlossen werden (SW berichtete).