Mit scharfer Kritik an der Deutschen Bahn und an der aktuellen, vor allem aber der zurückliegenden Bahnpolitik der Bundesregierung hat die heimische Bürgerinitiative gegen den trassenfernen Ausbau der Bahn (Bigtab) auf die angekündigte mehrwöchige Vollsperrung der Bahnstrecke Minden-Wunstorf reagiert. Wie berichtet, soll der viel befahrene Streckenabschnitt aufgrund umfangreicher Reparatur- und Sanierungsarbeiten vom 7. August bis zum 20. August für den Bahnverkehr voll gesperrt werden. In den zu erwartenden massiven Problemen durch Schienenersatzverkehre und lange Umleitungsstrecken für Fernzüge sieht der Bigtab-Vorstand laut einer Presseerklärung vor allem das Resultat des nicht erfolgten trassennahen Ausbaus der Strecke Minden-Wunstorf. Die jetzt angekündigte Vollsperrung sei - so wörtlich - ein „Bahnchaos mit Ansage” und eine Folge „völligen
politischen und planerischen Versagens”.
Dieser trassennahe Ausbau Minden-Wunstorf, der nicht nur von der Bürgerinitiative sondern auch von heimischen Kommunen und Kreisen seit Jahrzehnten vehement befürwortet und immer wieder in Resolutionen und politischen Beschlüssen gefordert wurde, war bekanntlich 2004 vom Deutschen Bundestag beschlossen worden, sechs Jahre später jedoch vom damaligen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer aufgrund angeblicher Unwirtschaftlichkeit wieder aufgegeben worden. 2016 verlegte sich die Bundesregierung darauf, den sogenannten „Deutschland-Takt” umzusetzen, was zur 2021 begonnenen Planung einer neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke Hannover-Bielefeld für 300 km/h führte.
An der geplanten Vollsperrung zeige sich exemplarisch die Folge des jahrelangen Stillstands beim Ausbau der Schieneninfrastruktur, kritisieren die Bigtab-Vertreter. Wäre der Bundestagsbeschluss von 2004 zum trassennahen Ausbau konsequent umgesetzt worden, ständen heute vier Gleise zwischen Minden und Wunstorf zur Verfügung und die erforderlichen Arbeiten könnten weitgehend unter rollendem Rad erfolgen. „Die nun drohenden massiven Einschränkungen für Fahrgäste und Güterverkehr wären in diesem Ausmaß vermeidbar.”
Die bevorstehende Situation widerlege zudem die von Vertretern des Fahrgastverbands Pro/Bahn geäußerte Behauptung, eine Neubaustrecke wie sie derzeit geplant sei könne die Folgen der Streckensperrungen für die Bahnreisenden abfangen. Bigtab-Sprecher Reinhard Fromme: „Wie soll eine Neubaustrecke helfen können, wenn sie weit entfernt von den betroffenen Kommunen und Bahnhöfe verläuft und damit für Fahrgäste aus der Region überhaupt nicht erreichbar ist und darüber hinaus frühestens in 30 oder 40 Jahren fertiggestellt sein wird?” Bigtab-Sprecher Michael Seils: „Nicht das Fehlen einer Neubaustrecke ist die Ursache der heutigen Probleme, sondern die Nichtumsetzung eines vor 22 Jahren erfolgten einstimmigen Bundestagsbeschlusses.”
Das sieht auch der ehemalige Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Lothar Ibrügger aus Minden so: Die 2004 für den trassennahen Ausbau veranschlagten Kosten von 550 Millionen Euro hätten angesichts der damaligen Haushaltslage im Verkehrshaushalt des Bundes zeitgerecht zur Verfügung gestellt werden und der viergleisige Ausbau bis zum Jahr 2012 fertiggestellt werden können, ist sich der langjährige SPD-Parlamentarier sicher. „Damit wären auch die entscheidenden
Voraussetzungen für die Verlagerungen von der Straße auf die Schiene im Zuge der Transeuropäischen Magistralen im Ost-Westverkehr schon vor 14 Jahre betrieblich umsetzbar gewesen.” Durch die fehlende Engpassbeseitigung sieht Ibrügger seit 2012 einen volkswirtschaftlichen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe eingetreten. „Die ständigen Störungen im Betriebsablauf zwischen Minden und Hannover mit den häufig
extrem langen Wartezeiten für Güterzüge sowie Bahnreisende im Nah- und Regionalverkehr hätten mit der Inbetriebnahme im Jahr 2012 beseitigt sein können.” Zwingende Konsequenz daraus ist laut Ibrügger der Verzicht auf „unbezahlbare Prestigeprojekte wie die Neubaustrecken Hannover-Bielefeld oder Würzburg-Nürnberg” und die schnellstmögliche Umsetzung des ursprünglichen Ausbau-Beschlusses.
Massive Kritik am gewählten Zeitpunkt der Vollsperrung übt Jan Hinrich Thies. Der promovierte Physiker und Verkehrs-Experte aus Minden, der 2022 an der Ausarbeitung der Alternativstudie zum Bahnausbau im Korridor Hamm-Hannover beteiligt war und 2026 die Vorstellung der Petition für einen geänderten Deutschland-Takt im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags unterstützte, sieht die Chance verpasst, die Baumaßnahme kundenorientiert zu planen und transparent zu kommunizieren.
... Stattdessen wurde ein Sperrzeitraum gewählt, der Pendlerinnen und Pendler, Urlaubsreisende sowie Schülerinnen und Schüler gleichermaßen schwer belastet. Die Wahl des Zeitpunkts erscheint nicht nachvollziehbar.
Auch er sieht eine bestandsferne Neubaustrecke als völlig wirkungslos an, um die Auswirkungen der Sperrung abzumildern, selbst wenn es sie schon gäbe. Bei einem vorhandenen viergleisigen Ausbau hingegen könnte auf zwei Gleisen gearbeitet und auf den beiden übrigen der Zugverkehr aufrechterhalten werden: „Eine ausgebaute Bestandsstrecke würde damit nicht nur mehr Kapazität schaffen, sondern auch die Infrastruktur deutlich robuster gegenüber Baustellen und Störungen machen.”