Fortsetzung: Differenzierter fällt die Bewertung bei Jörg Köster von Göbel aus. Er sieht auch Chancen in den geplanten Regelungen:
„Ich stehe den neuen Regelungen grundsätzlich positiv gegenüber. Den häufig genannten Kritikpunkt, dass der Aufwand steigt, kann ich so nicht nachvollziehen. Das würde allenfalls auf Unternehmen zutreffen, die überhaupt keine fest angestellten Mitarbeitenden haben. Zudem stellt sich die Frage, wer die Lohnabrechnung heute überhaupt noch selbst macht – das dürfte nur eine Minderheit sein. Wenn dies über einen Steuerberater läuft, spielt der Mehraufwand ohnehin kaum eine Rolle.
Die Kosten für Unternehmen könnten theoretisch etwas sinken. Gleichzeitig muss es aber einen Ausgleich für die Mitarbeitenden geben, sodass dieser Aspekt insgesamt zu vernachlässigen ist. Positiv sehe ich vor allem die gewonnene Flexibilität, da man nicht mehr so strikt auf einzelne Stunden achten muss. Auch bei einer Erhöhung des Mindestlohns entfällt künftig die wiederkehrende Diskussion über die Stundengrenzen.
Unterm Strich profitieren aus meiner Sicht die Angestellten – selbst wenn sie möglicherweise etwas weniger Geld zur Verfügung haben. Die verbesserte soziale Absicherung, insbesondere im Hinblick auf die Rente, ist ein klarer Vorteil.
Die Diskussion rund um den Urlaubsanspruch kann ich nur bedingt nachvollziehen. Wer hier Probleme sieht, hat Minijobbern vermutlich zuvor keinen Urlaub gewährt, was ohnehin nicht zulässig ist. Ansonsten ergibt sich in diesem Punkt kein Unterschied.
Für Schülerinnen, Schüler und Studierende soll es Ausnahmeregelungen geben, sodass sich beispielsweise für unsere Praktikanten nichts ändern wird. Wünschenswert wäre eine ähnliche Regelung auch für Vereine und andere Organisationen, da dort insbesondere die Lohnabrechnung einen erhöhten Aufwand bedeuten kann.“
Vor allem im Einzelhandel und in saisonabhängigen Betrieben wird die Flexibilität von Minijobs hervorgehoben. Christian Damke von der Getränke Damke GmbH erklärt:
„Eine schrittweise Abschaffung von Minijobs sehen wir kritisch. In vielen Bereichen unseres Betriebs fallen Tätigkeiten an, für die keine besondere Qualifikation erforderlich ist, etwa die Leergutsortierung oder die Warenverräumung in Getränkemärkten. Minijobs bieten hierfür eine flexible und praktikable Beschäftigungsmöglichkeit – insbesondere für Schülerinnen und Schüler sowie Studierende in den Ferien.Gerade während der Sommersaison sind wir auf kurzfristig verfügbare Aushilfen angewiesen. Würden der administrative Aufwand und die Kosten auf das Niveau regulärer Beschäftigungsverhältnisse steigen, wäre die Beschäftigung unqualifizierter Mitarbeitender für uns wirtschaftlich kaum noch darstellbar. Bei vergleichbaren Kosten müssten wir uns verstärkt für qualifizierte Arbeitskräfte entscheiden. Dies würde insbesondere die Beschäftigungschancen von ungelernten Personen sowie von Schülerinnen, Schülern und Studierenden erheblich verschlechtern – auch bei saisonalen Tätigkeiten.Einen betrieblichen oder arbeitsmarktpolitischen Vorteil einer pauschalen Abschaffung können wir daher nicht erkennen. Flexible Beschäftigungsmöglichkeiten für Schüler-, Studenten- und Saisonjobs sollten erhalten bleiben.“
Auch im Gesundheitsbereich werden mögliche Folgen gesehen. Nikolas Schäfer von der Neuen Apotheke verweist auf wirtschaftliche und strukturelle Auswirkungen:
„Die Verteuerung oder die Abschaffung von Minijobs wird zwangsläufig zu Preiserhöhungen bei den betroffenen Betrieben führen. Bei uns sind im Moment lediglich die Botenfahrer als Minijobber angestellt. Der Service des Botendiensts wird in den meisten Apotheken bisher kostenlos angeboten. Die geplante Gesetzesänderung wird dazu führen, dass wir diesen Service nicht mehr kostenlos anbieten können oder unsere Produktpreise erhöhen werden müssen.
In Apotheken arbeitet ca. 90 % weibliches Personal – aufgrund umfangreicher familiärer Verpflichtungen zudem häufig nur in Teilzeit. So können zum Beispiel unsere Mitarbeiterinnen mit schulpflichtigen Kindern oft nur während der Schul- oder Kindergartenzeiten bei uns arbeiten – in den Ferien demzufolge oftmals gar nicht. Aufgrund einer nur geringen Wochenarbeitszeit ergeben sich in einigen Fällen daraus zwangsläufig Minijobs. In solchen Fällen würde ich es durchaus begrüßen, wenn diese Mitarbeiter eine bessere soziale Absicherung erhalten würden. Allerdings sind die Lohnnebenkosten in Deutschland bereits enorm hoch und sollten dringend gesenkt werden. Produktpreiserhöhungen wären die notwendige Folge einer weiteren Erhöhung der Kosten.
Das größte Problem sehe ich aber im Onlinehandel: Da viele Betriebe in starker Konkurrenz zu Onlinebetrieben stehen, diese ihren Firmensitz oft im Ausland haben und nicht an deutsche Gesetze gebunden sind, führen jegliche Erhöhungen der Lohnkosten zu einer weiteren Schwächung der nationalen Betriebe. Da bereits heute ein enormer Leerstand in den Innenstädten zu beobachten ist, würde es dieser Entwicklung Vorschub leisten und ein weiteres Schwinden von Fachbetrieben gefördert werden. Man kann sich bereits jetzt die Frage stellen, warum es kaum noch Fachbetriebe in den Städten gibt und sich stattdessen zum Beispiel Nagelstudios, Handyläden, Tattoostudios und diverse „Billigläden“ immer mehr ausbreiten. Eine gesetzliche Regelung zu Minijobs in Abhängigkeit von Branche und Mitarbeiterzahl hielte ich für sinnvoller.“