Schade, dass Wählen keine Pflicht ist | Schaumburger Wochenblatt

11.09.2026 09:36

Schade, dass Wählen keine Pflicht ist

Ein Kommentar von Nadine Dressler. (Foto: privat)
Ein Kommentar von Nadine Dressler. (Foto: privat)
Ein Kommentar von Nadine Dressler. (Foto: privat)
Ein Kommentar von Nadine Dressler. (Foto: privat)
Ein Kommentar von Nadine Dressler. (Foto: privat)

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Sportart, bei der alle vier Jahre die gesamte Nation zum Mitmachen aufgerufen wird, aber am Ende nicht einmal zwei Drittel tatsächlich erscheinen. Die Schiedsrichter würden ausrasten, die Trainer würden heulen, und in den Talkshows würde wochenlang debattiert, ob wir noch zu retten seien. Doch beim Wählen – diesem kollektiven Kraftakt der Demokratie – zucken wir nur mit den Schultern und sagen: „Tja, manche hatten halt wichtigere Termine.”

Ein Tag wie jeder andere – oder doch nicht?

Der Wahlsonntag ist ein seltsames Datum im deutschen Kalender. Für die einen ist es der Tag, an dem man endlich wieder das Gefühl hat, Teil von etwas Größerem zu sein. Für die anderen ist es der Tag, an dem der Brunch länger dauert als geplant und der Wahlzettel in Vergessenheit gerät.

In Schaumburg, wo die Wahlbeteiligung traditionell eher so ausfällt wie die Besucherzahlen beim Sommerfest der Freiwilligen Feuerwehr – solide, aber nicht überragend –, könnte man fast meinen, das Wählen sei eine Art optionales Hobby. Wie Yoga oder Briefmarkensammeln. Nur mit mehr Stimmzetteln und weniger Dehnübungen.

Die große Ausrede-Olympiade

„Ich hatte keine Zeit.” – „Ich war im Urlaub.” – „Ich wusste nicht, wo das Wahllokal ist.” – „Ich dachte, das macht mein Nachbar für mich.” Die Liste der Ausreden ist länger als die Warteschlange vor dem beliebtesten Imbisswagen auf dem Stadthäger Markt. Und doch: Keine davon würde akzeptiert, wenn es um die Steuererklärung ginge. Da ruft niemand beim Finanzamt an und sagt: „Tut mir leid, ich hatte am 31. Mai einfach zu viel vor.”

Beim Wählen hingegen herrscht eine fast rührende Nachsicht. „Ach, nicht gewählt? Macht nichts, nächstes Mal vielleicht!” Als wäre die Demokratie ein Abo, das man jederzeit pausieren kann, ohne dass jemand merkt.
Was wäre, wenn's Pflicht wäre?

Stellen wir uns kurz eine Welt vor, in der Wählen Pflicht ist – so wie in Belgien oder Australien. Plötzlich wäre der Wahlsonntag kein Tag mehr, an dem die Wahllokale gegen 18 Uhr gähnen, weil die letzten Wähler schon lange beim Grillen sind. Stattdessen gäbe es eine Art nationalen Feiertag der Pflichterfüllung. Familien würden gemeinsam wählen gehen, danach gäbe es Kuchen, und die Kinder dürften sich einen Stempel auf die Hand malen lassen – wie im Schwimmbad, nur demokratischer.

Die Parteien müssten sich plötzlich anstrengen. Nicht nur die Stammwähler überzeugen, sondern auch die, die bisher dachten, Politik sei etwas, das im Fernsehen passiert, während man auf dem Sofa liegt und Chips isst. Wahlkampf wäre dann nicht mehr nur Sache der Überzeugten, sondern auch derer, die man erst einmal aus der Reserve locken muss.

Die große Illusion der Nichtwähler

Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis: Wer nicht wählt, der entzieht sich dem System. In Wahrheit überlässt er nur anderen die Entscheidung. Es ist, als würde man beim Essen im Restaurant sagen: „Ich bestelle nicht, das machen die anderen schon für mich.” Am Ende isst man dann das, was die Mehrheit bestellt hat – und beschwert sich hinterher, dass es nicht schmeckt. Die Nichtwähler sind die stillen Mitesser der Demokratie. Sie kritisieren, meckern, regen sich auf – aber sie sitzen auch nicht am Tisch, an dem die Speisekarte geschrieben wird.

Ein Appell mit Augenzwinkern

Natürlich ist die Forderung nach Wahlpflicht in Deutschland weder populär, noch möchte ich das wirklich. Aber vielleicht könnten wir uns ja auf einen Kompromiss einigen: Keine Pflicht, aber eine Art demokratische Challenge. Und wer nicht geht, muss wenigstens zugeben, dass er keine Lust hatte – und nicht, dass er „keine Zeit” hatte. Denn am Ende ist es doch so: Die Demokratie ist wie ein Gemeinschaftsgarten. Wenn nur die Hälfte der Nachbarn gießt, wundern wir uns später, warum alles vertrocknet ist.
Schade also, dass Wählen keine Pflicht ist. Schade, dass wir uns so schwer damit tun, unsere Stimme als das zu sehen, was sie ist: ein Werkzeug, ein Recht, eine Verantwortung. Vielleicht sollten wir beim nächsten Wahlsonntag einfach mal so tun, als wäre es Pflicht. Nicht, weil der Staat es sagt, sondern weil wir es uns selbst schulden.

Ein Kommentar von Nadine Dressler.


Nadine Dressler
Nadine Dressler
Redakteurin Schaumburger Wochenblatt.

Nadine Dressler ist seit Anfang 2024 als Redakteurin beim Schaumburger Wochenblatt tätig. Sie betreut schwerpunktmäßig die redaktionellen Belange der Bereiche Bückeburg, Obernkirchen, Auetal und Bad Eilsen. Vereine und Initiativen können können ihre Pressemitteilungen gern direkt an n.dressler@schaumburger-wochenblatt.de senden.
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