Welche Kraft ehrenamtliches Engagement entwickeln kann, das hat der Verein „Bad Nenndorf ist bunt – Bündnis gegen Rechtsextremismus e.V.“ mehrfach und sehr deutlich bewiesen. Jetzt feierte der Verein sein 20-jähriges Bestehen – nicht mit einem großen Festakt, aber mit 120 geladenen Gästen in der Wandelhalle und einem besonderen Akzent im Programm: in Person von Irmela Mensah-Schramm, der seit 40 Jahren aktiven „Politputze“, wie sie vor allem in ihrer Wohnstadt Berlin genannt wird.
Im Jahr 2006 sind die Anfänge des Vereins zu sehen, der sich gegen die rechtsradikalen Aufmärsche der Nazis vor dem Wincklerbad in Bad Nenndorf positionierte. Das Wincklerbad war ein englisches Internierungs- und Verhörlager des britischen Geheimdienstes, in dem gefoltert wurde und in Folge dieser Misshandlungen nach heutigen Erkenntnissen zwei Menschen gestorben sind.
„Die Nazis wollten dort eine Mahnwache halten. Es ging ihnen aber nicht darum, hier irgendwie wirklich Trauer zu zelebrieren oder der dort ehemals inhaftierten Menschen zu gedenken. Es ging ihnen darum, Propaganda zu verbreiten. Das stellten wir sofort fest, als wir den Mahnwachen zuhörten. Dort gab es antisemitische und nationalsozialistische Reden“, schildert der Vorsitzende Jürgen Uebel während seiner Ansprache.
Es war als eine Nachfolge für die Rudolf-Heß-Märsche geplant, die in Wunsiedel vorher jahrelang stattgefunden hatten und die 2006 vom Bundesverfassungsgericht verboten wurden. Ihnen erschien Bad Nenndorf auf einmal als passend: „Kleiner Ort, verschlafen, gute Infrastrukturanbindung mit Autobahn und Zug, ansonsten wenig Widerstand zu erwarten, weil keine Gewerkschaften vor Ort, kein autonomes Jugendzentrum oder irgendwas in der Art.“
Damit hatten sie sich getäuscht. Mit dem Verein „Bad Nenndorf ist bunt“ wurde fortan Widerstand gegen diese „Trauermärsche“ geleistet; die Rechtsradikalen stießen auf Granit.
Bis zu 1.000 Neonazis kamen im Jahr 2010 „und sind hier durch den Ort mit einer eigenen Kindergruppe marschiert. Das war schon manchmal ganz schön gruselig“, gesteht Uebel ein. Viele Nenndorfer schlossen sich dem Widerstand an – mit Erfolg: „2016 war der Spuk vorbei.“
Der Verein blieb weiterhin aktiv, gestaltete zahlreiche Diskussionsveranstaltungen, Workshops in Schulen sowie Protest- und Kulturveranstaltungen gegen das Erstarken rechtsradikaler Entwicklungen. Hinzu kommt die Erinnerungsarbeit an den 9. November (die Reichspogromnacht) und den 27. Januar, den zentralen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus sowie der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.
Inzwischen wurde dem Verein auch das Bundesverdienstkreuz verliehen. Uebel: „Wir alle, die wir uns gemeinsam engagiert, entschlossen und erfolgreich gegen Neonazis, Antisemitismus und Rassismus gewehrt haben, wurden am 22. Mai 2018 in Berlin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.“ Und all denen, die sich mitengagierten, „denen möchten wir eben heute danken“.
„Die Berlinerin Irmela Mensah-Schramm leistet seit 40 Jahren ein Engagement, wir machen das seit 20 Jahren. Da waren wir der Meinung, dann legen wir das mal zusammen und zeigen einen Teil ihrer Ausstellung und den Film, der ihre Arbeit vorstellt“, so der Vorsitzende.
Sie ist mittlerweile 80 Jahre alt. Vor 40 Jahren begann Mensah-Schramm mit den Aktionen gegen Nazi-Graffitis und Aufkleber im öffentlichen Raum in Berlin, im gesamten Bundesgebiet und einigen EU-Ländern.
Nebenbei entstand daraus die Ausstellung „Hassschmierereien fotografiert und vernichtet“, die in der Wandelhalle den Gästen vorgestellt wurde.
Mit einem Ceranfeldschaber und Spraydosen geht sie gegen Aufkleber an Laternen, Stromkästen, Wänden und Hinweisschildern vor. Damit setzt sie täglich ein Zeichen für mögliches und deutliches Engagement im Kleinen gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus.
Neben dem gezeigten Film waren es ihre persönlichen Schilderungen, die die Gespräche der Gäste während der anschließenden Begegnung besonders prägten. Einen Tag später suchte sie das Gymnasium Bad Nenndorf für einen Workshop auf.