Wir alle, nun ja, fast alle, haben ihn erwartet – den Frühling. Spätestens, wenn im April und Mai die Sonne immer höher steht, die Temperaturen steigen und uns die Vögel bereits in den frühen Morgenstunden beim Zwitschern um die Wette um eine weitere Stunde Schlaf bringen, ist er da, der Frühling. Da passiert etwas Merkwürdiges: Der Mensch spricht von Frühjahrsmüdigkeit. Ich biete eine einfache Erklärung an: Die Frühjahrsmüdigkeit ist einfach eine Fortsetzung des Winterschlafes. Der allerdings ist wissenschaftlich belegt – jedenfalls bei sehr vielen Lebewesen. Ganz anders die Mähr um die Frühjahrsmüdigkeit beim Menschen. Seriöse wissenschaftliche Untersuchungen kommen allesamt zu dem Ergebnis, dass es dieses Phänomen eigentlich (eines der unglücklichsten Wörter in der deutschen Sprache – denken Sie einmal darüber nach, warum) gar nicht gibt. Versuche, den Effekt mit veränderten Hormonhaushalten und der Trägheit unseres überzüchteten Organismus, sich an die Umstellung zu gewöhnen zu erklären, klingen für mich wie eine Computermeldung:“ Das System wird neu gestartet. Bitte warten!“ Danach funktioniert einiges anders, manches gar nicht mehr.

Die Psychologie hilft

Wenn ich mit Argumenten nicht mehr weiterkomme, hilft häufig ein Blick auf die Psychologie. Hier fand ich tatsächlich hervorragende Erklärungen für das Auftreten der, im Übrigen nahezu ausschließlich im deutschsprachigen Raum zu findenden, Frühjahrsmüdigkeit – den „Labeling-Effekt“ und den „Nocebo-Effekt“. Beim erstgenannten handelt es sich um den Verdacht, dass allein die Verbreitung des Mythos den Menschen dafür empfänglich macht – ganz nach dem Motto „Der Wein schmeckt ganz ausgezeichnet, wenn man gesagt bekommt, dass er besonders teuer war“. Der „Nocebo-Effekt“ erklärt das Auftreten einer eingebildeten Negativerfahrung (Gegensatz zum Placebo-Effekt mit positiver Wirkung). Ich erwarte die Frühjahrsmüdigkeit und glaube an sie, also tritt der Effekt auch ein. Beobachten Sie die Menschen am Arbeitsplatz in Ihrer Umgebung. Böse: Wer nicht vor dem Bildschirm einnickt, gilt schon als Leistungsträger. Ich zähle mich zu den anderen – den Frühlingserwachenden. Sobald die ersten Löwenzähne im Rasen sprießen, hocke ich auf den Knien und steche ihn aus. Das Fahrrad wird mir wieder sympathisch und der Besuch der Innenstadt wird immer attraktiver. Der Blick auf die PV-Anlage freut unsere Energiebilanz. OK – die Sache mit den Pollen muss ich noch irgendwie in den Griff bekommen. Die Wetterkapriolen sagen mir auch nicht immer zu. Glücklicherweise haben wir noch keinen Weg gefunden, das Wetter auch noch „auf den Punkt“ beeinflussen zu können. Ich hätte dann jeden Tag 25 – 30 Grad, 12 Stunden Sonne und nachts einen sanften Schaumburger Landregen. Und dann gibt es ja auch noch den Begriff der Frühlingsgefühle. Hier sind sich wiederum die Forscher einig. Das hat ganz wesentlich mit der durch Sonnenlicht, höhere Temperaturen und Vorfreude bedingten Ausschüttung bestimmter Hormone zu tun.

Glückshormone überhauf

Ich spüre seit März förmlich das Serotonin, das Dopamin, das Adrenalin und das Noradrenalin durch meine Adern jagen. Die Vorfreude auf den Sommer steigt täglich. Beim Begriff der Frühlingsgefühle bietet sich natürlich auch ein Blick auf unsere emotionale Seite der Partnerschaft und der Partnerschaftssuche an. Ich überlasse hier einmal den Leser seiner Phantasie. Eine Zahl aber bestätigt mich. Die größten Partnerschaftsportale stellen seit Jahren einen Anstieg von Erstkontaktnachrichten zwischen 11 und 17 Prozent gegenüber den anderen Jahreszeiten fest. Da muss also etwas dran sein. Der Frühling ist jetzt auf dem Weg in den Sommer. Mein Tipp: Machen Sie es nach dem „Winterblues“ wie die Natur. Gönnen Sie der Natur keine Schadenfreude, wenn sie mit Blumen und frischem Grün explodiert und wir als quasi einzige noch im Ruhemodus mit leerem Akku durch die Gegend schleichen. Die Frühjahrsmüdigkeit ist Einbildung – das Frühlingserwachen und die Frühlingsgefühle sind echt!
Mit Vorfreude auf den Sommer, Ihr Axel Bergmann