Wenn sie den Hörer abheben, wissen sie nicht, mit welchen Problemen sich der junge Mensch plagt, mit dem sie gleich ein Gespräch führen. Trotzdem schaffen es die Ehrenamtlichen des Teams von der „Nummer gegen Kummer“ fast immer, den Anrufern eine gewisse Unterstützung zu bieten und Anregungen zur Verbesserung der Situation zu liefern.
Aber wie gelingt es eigentlich, dem unbekannten Gesprächspartner in einem begrenzten Zeitraum Hilfe und Stütze zu sein? Wichtigste und unverzichtbare Grundvoraussetzung sei Offenheit und die Bereitschaft, sich auf andere Lebenswelten einzulassen, wie Gaby Mennicken, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Schaumburg und Birgit Schaper-Gerdes, Koordinatorin des Kinder- und Jugendtelefons Schaumburg erläuterten. Es gelte, den jungen Ratsuchenden nicht mit wertenden Einordnungen vor den Kopf zu stoßen oder ihnen allzu schnell mit vermeintlich guten Ratschlägen einen Weg vorzugeben, wie Schaper-Gerdes ausführte.
Seit dem Jahr 2000 wirkt der Kinderschutzbund Schaumburg beim Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes Deutschland mit. Ein Team von Ehrenamtlichen engagiert sich, um Kindern in Nöten oder mit anderem Redebedarf am Telefon beizustehen. Wie dies funktioniert, dazu gaben neben Gaby Mennicken und Birgit Schaper-Gerdes auch Andrea Siebörger und Maria Thobe, ebenfalls im Team der Berater, Auskunft.
Lange Wartezeiten würden sich nicht ergeben, wenn man in seiner jeweils zweistündigen Einsatzschicht sitze, wie das Quartett erklärte. „Das Telefon wird klingeln“, wie Mennicken betonte. Durchgestellt werden Kinder und Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet, die die „Nummer gegen Kummer“, nämlich 116111 gewählt haben. Es kann Probleme in der Beziehung zu den Eltern gehen, um Themen wie Einsamkeit, oder Mobbing, zu denen die jungen Leute Rat suchen. Die Teammitglieder kommen so mit Menschen aus verschiedensten gesellschaftlichen Schichten und mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammen. Hinzu kommt der Altersunterschied, deshalb ist die Offenheit so wichtig.
Auch Scherzanrufe gehen ein. Besonnenheit sei stets gefragt, wenn man den Hörer abnehme. Auch ein Scherzanruf könne wertvoll sein. Spüre der junge Anrufer, dass er ernst genommen werde und auf offene Ohren stoße, werde er auch anrufen, wenn er wirklich in Schwierigkeiten sei, erklärte das Quartett.
Krankheit, sexueller Missbrauch, Ausgrenzung von Freunden, oftmals seien es auch tief belastende Themen, mit denen die Telefonberaterinnen konfrontiert werden. In der Ausbildung werden sie für Gesprächstechniken geschult. Zum Beispiel gezielt nachzufragen, ob man die Ausführungen des Gegenübers wirklich verstanden hat. Sich die Zeit zu nehmen für ein empfindsames Zuhören, habe oft schon eine heilsame Wirkung für die Anrufer, wie Andrea Siebörger und Maria Thobe ausführten. Ebenso, die Ratsuchenden zur Selbstreflektion zu bringen, sie zur Entwicklung von eigenen, für sie gangbaren Lösungswegen zu führen. Auf Ressourcen hinzuweisen, könne ebenfalls wichtig sein: Wo ist dir etwas gelungen, da hast du doch schon eine schwierige Situation überwunden. Zudem können den Anrufenden Kontaktmöglichkeiten von Beratungs- und Hilfsstellen genannt werden, wo sie Rat und Hilfe finden.
Sehr wichtig für die Mädchen und Jungen sei die Anonymität bei den Gesprächen. Dies ermögliche es ihnen, sich zu öffnen und den Austausch zu suchen, so Gaby Mennicken. Für die Ehrenamtlichen könne es teils belastend sein, wenn sie nach einem Austausch mit einem Jugendlichen auflegen müssten, aber noch den Impuls hätten, weitergehende Hilfe zu leisten. Dies seien die Fälle, bei denen die Supervision, der Austausch mit den anderen Beratern und Koordinatorin Schaper-Gerdes wertvoll seien.
Die Ehrenamtlichen werden jeweils in Kursen über 80 Stunden auf ihre Aufgabe vorbereitet. Sie erlernen dabei Techniken zur Gesprächsführung sowie Konfliktbewältigung kennen und setzen sich mit Themen der Ratsuchenden auseinander, die für die Beratung bedeutsam sind. Der Kinderschutzbund startet demnächst wieder einen solchen Kurs. Hierfür werden noch Teilnehmer gesucht, näheres auf Seite 12 dieser Ausgabe.
Andrea Siebörger und Maria Thobe betonten, dass die Tätigkeit für sie eine Bereicherung auch über das Wissen hinaus sei, etwas Gutes für junge Menschen zu tun. Da seien die Einblicke in Lebenswelten, die einem sonst kaum bekannt seien. Zudem verändere man auch seine Haltung, gewinne an Weltoffenheit und Toleranz hinzu. Grundsätzlich seien keine Voraussetzungen möglich, sich in diesem Ehrenamt zu engagieren, solange man die nötige Offenheit mitbringe, so Gaby Mennicken.
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