Großer Glaube kann Herzen öffnen. Das gilt sogar für Jesus selber. Im Matthäus-Evangelium, Kapitel 15, lesen wir eine Geschichte, die auf den ersten Blick befremdlich wirkt. Weil Jesus nicht so reagiert, wie wir es erwarten würden, aber doch auch ganz menschlich.
Immer wieder heißt es, dass er sich nach öffentlichem Wirken und großem Zulauf der Menschen in die Einsamkeit zurückzog. In die Wüste, auf einen Berg, oder wie in dieser Geschichte über die Grenze ins Nachbarland in die Gegend von Tyros und Sidon. Das sind Hafenstädte im heutigen Libanon.
Dann kommt es zur Ruhestörung. Eine Frau aus jenem Land erhofft sich von Jesus eine Heilung ihrer schwerkranken Tochter. Sie schreit ihren Hilferuf laut heraus – und Jesus: er schweigt. Den Jüngern ist das unangenehm. Jesus solle sie wegschicken. Aber sie bleibt penetrant, lässt sich nicht abfertigen. Dann fallen die erschreckenden Worte Jesu: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Also: ich bin nur für mein eigenes Volk da.
Trotzdem, sie fällt vor ihm nieder. Und er: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“
Mir begegnen im Politischen heutzutage ähnliche Argumente: Es ist nicht recht, dass Deutschland sein Geld in der ganzen Welt verteilt und hier bei uns reicht es nicht für die Alten und Kranken. Ein nachvollziehbares, aber möglicherweise auch populistisches Argument.
Die Frau kniet schon am Boden. Nun wird sie auch noch mit Hunden verglichen. Entmenschlicht. Doch sie geht darauf ein: „Aber doch essen die Hunde von dem, was vom Tisch ihrer Herren abfällt“.
Es ist doch genug da für alle. Sie will den anderen doch gar nichts wegnehmen. Sie vertraut darauf, dass Gott überreich gibt und über Grenzen hinaus wirkt. Ich finde die Frau nicht demütig oder unterwürfig, sondern stark, wie sie mit dieser Situation umgeht. Sie hat bereits Grenzen überwunden, was Jesus erst noch lernen muss.
Jesus gibt sich geschlagen: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“
Wir sehen einen Jesus, dessen Herz geöffnet wird, der sich lernfähig erweist. Der sein Wirken nicht mehr national beschränkt, sondern universell versteht. Am Ende des Evangeliums wird er seine Jünger beauftragen: Geht hin in alle Welt, zu allen Menschen.
Was zeigt uns die Geschichte? Menschlichkeit endet nicht an Grenzen. Sie überwindet sie. Im Glauben heißt es, beharrlich sein, dranbleiben. Auch wenn Gott scheinbar mit Schweigen auf mein Gebet reagiert. Nicht aufgeben, auch wenn es zunächst erfolglos scheint. Das gilt genauso im Einsatz für Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Dranbleiben!