Suchergebnisse (Apotheken) | Schaumburger Wochenblatt

Klaus Bellwinkel muss immer wieder in leere Schubfächer schauen, weil es durch Lieferengpässe keinen ausreichenden Nachschub von Medikamenten gibt. (Foto: ste)

Notruf des Notfallpatienten „Apotheke“

Statistisch gesehen schließe derzeit jeden Tag eine Apotheke in Deutschland und das bedeute für die Patienten auch, dass sie – besonders in ländlich geprägten Regionen – deutlich weitere Wege in Kauf nehmen müssen, um beispielsweise am Wochenende ein Notfallmedikament zu bekommen. Für Rinteln heiße das: „Dann fahren sie beispielsweise bis nach Hameln, Dörentrup oder Lauenau!“ Doch auch schon in der täglichen Versorgung sei der Kipppunkt bereits erreicht und das System „Apotheke“ sei so kränklich, dass es mittelfristig nicht zu halten sei: „Wenn sich innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre nichts grundlegendes ändert, dann schaffen es von den derzeit rund 17.000 Apotheken in Deutschland vielleicht 10.000!“ Die Gründe dafür seien vielfältig. Zum einen ist da die Arzneimittelpreisverordnung, die seit 20 Jahren nicht mehr angepasst worden sei. „Und das bei steigenden Lebenshaltungskosten, Inflation und steigenden Personalkosten“, so Bellwinkel. Zum anderen sei es der Fachkräftemangel und die Überalterung in den Apothekenführungen. Potentielle Nachfolger überlegen es sich ganz genau, ob sie eine Apotheke übernehmen sollen. Bellwinkel befürchtet, dass alleine dadurch rund 600 Apotheken in den nächsten zwei Jahren schließen werden. Die Lieferengpässe verschärfen sich gerade wieder. Immer öfter bleiben die Regale der Apotheken bei bestimmten Medikamenten leer: „Und das kostet Umsatz!“ Löhne und Gehälter in der Produktion von Medikamenten und beim Personal der Apotheken sind ein weiteres Problem und bei der Ausbildung zu Pharmazeutisch-Technischen Assistenten gab es zwar im Herbst letzten Jahres eine kleine Entlastung, doch Geld verdienen die Auszubildenden in den ersten zwei Jahren ihrer Ausbildung nicht. Zu guter Letzt habe der BGH dann auch noch geurteilt, dass Skonto auf verschreibungspflichtige Medikamente nicht erlaubt sei, doch gerade davon hätten viele Apotheken überhaupt nur gelebt, wenn sie bis zu 95 Prozent mit solchen Medikamenten handelten: „Da stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch Kaufmann ist, wenn einem alles Instrumente des Kaufmann-Seins genommen werden“, so Bellwinkel. So könne eine klassische Apotheke mit einem hohen Anteil an verschreibungspflichtigen Medikamenten nicht überleben. Auch das E-Rezept habe die Marktlage verschoben. War es früher üblich, zum Arzt zu gehen, ein Rezept zu bekommen und dann ab in die Apotheke in der Nähe des Arztes, so geht heute viel über Telefon und online und dann möglicherweise auch hin zu Online-Apotheken. Raus aus dem Dilemma komme man nur durch eine Änderung der Arzeimittelpreisverordnung, durch höhere Erträge und somit der Möglichkeit einer besseren Bezahlung der Mitarbeitenden, durch Behebung der Lieferengpässe durch eine eigene europäische Medikamentenproduktion und Bürokratieabbau: „Man muss mit Arzneimitteln wieder wirtschaften dürfen!“
Apotheker Günter Schwarz erläuterte u.a. das E-Rezept. (Foto: ab)

Was ist ein E-Rezept?

Nach einem ausführlichen Vortrag über die Entstehung von Medikamentenengpässen und die Rolle der Krankenkassen (wir berichteten), erhielten die Besucher im voll besetzten Le-Theule-Saal einen Überblick über die bevorstehende Einführung des Elektronischen Rezept (E-Rezept). Die Vorsitzende der Union, Ruth Harmening, hatte den Inhaber der Bückeburger Schlossapotheke als Fachmann dazu eingeladen. Das Wichtigste stellte Schwarz gleich an den Anfang. Die Verwendung des E-Rezeptes ist für die Arztpraxen ab dem 1. Januar verpflichtend, Ausnahmen werden nur bei nachgewiesenen technischen Problemen gewährt. Die Apotheken in Deutschland sind technisch bereits seit 2022 in der Lage, mit der elektronischen Variante zu arbeiten. Im Vergleich mit vielen anderen europäischen Staaten erfolgt die Einführung in unserem Land verhältnismäßig spät. Schwarz zählte in seinem Vortrag 20 Länder auf, in denen das System bereits in den medizinischen Alltag integriert ist. Neben kleinen Staaten wie Montenegro, Albanien und Island, arbeiten die Ärzte und Apotheken auch in Dänemark, Österreich, Schweden, Spanien, der Schweiz und den Niederlanden mit dem E-Rezept. Die Gesamtverantwortung für die sogenannte Telematikinfrastruktur, der Plattform für die Gesamtheit aller digitalen Gesundheitsanwendungen, ist die Nationale Agentur für Digitale Medizin (Gematik). Das Unternehmen stellt alle Voraussetzungen für das neue Rezept sowie die weiteren geplanten elektronischen Vorgänge zur Verfügung. 2025 soll die elektronische Patientenakte eingeführt werden, gefolgt von einem elektronischen Medikationsplan und anderen digitalen Anwendungen. Das bisher ausgestellte rosa Papierrezept für verschreibungspflichtige Medikamente in der gesetzlichen Krankenversicherung soll damit Geschichte sein. Zukünftig wird in der Arztpraxis mittels einer Software das Rezept erstellt und danach elektronisch signiert auf einem sicheren Server der Gematik abgelegt. Der Patient hat anschließend die Möglichkeit, die Verschreibungen in der Apotheke über seine Gesundheitskarte, die E-Rezept-App seines Smartphones oder über einen Papierausdruck und dem darauf vorhandenen QR-Code, einzulösen. Zum Ende des Referates schilderte Apotheker Günter Schwarz noch die wesentlichen Vorteile. Es kommt zu keinem „Medienbruch“ zwischen analoger und digitaler Bearbeitung mehr. Fehler, die aufgrund unleserlicher Schrift eines Arztes passierten, sind ausgeschlossen. Rezepte zu fälschen wird deutlich erschwert. Die Ausstellung von regelmäßigen Folgerezepten wird für den Arzt und den Patienten vereinfacht. Über die App kann die Verordnung an eine Wunschapotheke übermittelt werden und diese kann die Arznei liefern. Die Aussage des Fachmannes, die E-Rezepte seien sicher, bestätigt die Gematik auf ihrer Homepage mit dem Hinweis auf die enge Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sowie dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit.
Cornelius Padberg, Rehrener Apotheke, im Gespräch mit Bürgermeister Oliver Theiß (Foto: ab)

Apotheker-Protesttag – Kundgebung in Stadthagen

Lediglich die „Notdienst-Apotheke“, die Bärenapotheke in Stadthagen, hatte für unaufschiebbare Medikamentenversorgung geöffnet. Hier, in der Bahnhofstraße, hatten sich zeitweise bis zu 40 Inhaber und Mitarbeiterinnen für die Protestaktion getroffen. Matthias Götzlaff, Inhaber der „Flora-Apotheke“ in Haste, hatte gemeinsam mit der Inhaberin der „Linden-Apotheke“ in Lindhorst, Ulrike Peter, die Organisation für die Kundgebung in Stadthagen übernommen. Götzlaff ist Vorstandsmitglied und Bezirksvorsitzender im Apothekerverband Niedersachsen, Ulrike Peter ist nebenbei die Bezirksapothekerin bei der Apothekerkammer Niedersachsen. Im Gespräch machten die beiden Apotheker die Misere ihrer Branche in Deutschland deutlich. Eine völlig überzogene Bürokratie macht die tägliche Arbeit sehr viel schwerer. Die pandemiebedingten einzelnen Erleichterungen bei der Abgabe von Medikamenten enden am ersten August. Danach dürfen Rezepte nur noch genauso ausgegeben werden, wie diese vom Arzt verordnet wurden. Hat dieser beispielsweise eine Packungsgröße von 40 verschrieben, darf die Apotheke nicht auf zwei 20er-Packungen ausweichen, wenn die größere Packung nicht lieferbar ist. Erst nach telefonischer Rücksprache mit der Praxis, darf der Wechsel vorgenommen werden. Bereits heute sorgt der Aufwand für eine erhebliche Mehrarbeit und stresst die Mitarbeiter in den Apotheken wie auch in den Praxen. Für viele Medikamente existieren Verträge mit Herstellern – diese können vielfach nicht liefern und ein Ausweichen auf ein identisches Präparat ist ab August ebenfalls nicht einfach so möglich. Ein nächster Kritikpunkt der Branche ist die seit 2013 nicht mehr erfolgte Honoraranpassung – das Fixum, welches die Apotheke für ein Präparat erhält. Anhand einer Statistik zeigte Matthias Götzel Vergleichszahlen auf. Ausgehend von einem Index von 100 aus dem Jahr 2004, weisen die Einnahmen der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) heute einen Index von 205,2 auf. Der Index für das Brutto-Inlandsprodukt stieg auf 181,0, die Tariflöhne für das Personal auf 152,3, der Index der Inflationsrate liegt im Vergleich bei 145,7 und die Apothekenvergütung bei einem Index von 118,8. Dieser ist in den vergangenen zwei Jahren sogar gefallen.
north