Schaumburger Wochenblatt
  1. Jens Luther und Dirk Schwirz: "Wir bauen das Ding"

    In einem Jahr soll der Erstflug mit dem Ultraleichtflieger "Trail" sein / Luftfahrtprüfer schaut immer wieder mal rein

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    RINTELN (ste). Jens Luther (44) vom gleichnamigen Rohrreinigungsunternehmen aus Rinteln und Dirk Schwirz (57), Berufsschullehrer für Fluggerätemechaniker an der BBS in Bückeburg, haben sich seit Mitte Februar diesen Jahres ein Projekt vorgenommen, das es in sich hat. Jeder von ihnen will ein Ultraleichtflugzeug aus hunderten von Einzelteilen selbst zusammenbauen und beide haben sich dafür knapp zwei Jahre Zeit genommen. Ein wenig wirkt das ganze wie aus einem Fischer-Technik Baukasten. Viele kleine Bleche mit jeder Menge Löcher an den Kanten, unzählige Baupläne wie bei einem Billy-Regal aus dem Möbeldiscounter und das ganze soll am Ende ein flugfähiges Gerät ergeben. Bis "Das Ding", wie sie liebevoll ihre "Trail" des Herstellers Nando Groppo aus Mezzana Bigli in der Lombardei nennen, fertig ist, müssen sie allerdings erst einmal 8.000 Nieten je Flugzeug mit einem Druckluftnieter an unzähligen Alublechverbindungen verbaut haben. Vorher sorgen sogenannte "Clecos" dafür, dass die Bauteile zusammenhalten. Jedes einzelne Blech für sich ist mit seinen 0,6 Millimeter Blechstärke wabbelig instabil und gewinnt seine Stabilität erst im Zusammenspiel mit den anderen Passblechen. Die Nieten, weiß Schwirz, sind Verbinder, die geradezu ideal für Verbindungen dieser Art sind. Sie sind im Vergleich zu Schraubverbindungen leicht und haben einen weiteren entscheidenden Vorteil: "Nieten sind lösbare Verbindungen, die sich aber nie von alleine lösen!" Jedes einzelne vorgebohrte Nietenloch muss noch per Hand von 2,4 Millimeter auf 3,2 Millimeter aufgebohrt werden, die Bleche können dadurch exakter aneinander angepasst werden. Die ersten vier Stunden Arbeit haben beide noch dokumentiert: "Dann haben wir aufgehört zu zählen und werden am Ende so um die 700 Arbeitsstunden jeder geleistet haben", so Luther und Schwirz, die auch die Tragflächen selbst zusammenbauen wollen. Die gäbe es auch fertig, doch "...wenn schon, denn schon" ist ihre Devise. Robust und spartanisch Der Ultraleichtflieger "Trail" ist bekannt als eine besonders robuste Maschine mit vielen Einsatzmöglichkeiten, ausgestattet ist er aber eher spartanisch. Ein 100 PS starker, luftgekühlter Rotaxmotor treibt das Flugzeug an. Die Motoren haben sich die beiden Freunde gebraucht aus Polen gekauft: "Sie werden noch einmal zerlegt und überarbeitet, bevor sie montiert werden!" Heraus kommt am Ende ein zweisitziges Ultraleichtflugzeug mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 600 Kilogramm, einer Zuladung von etwa 300 Kilogramm und einer Geschwindigkeit über Erdboden von bis zu 170 km/h. "Bei Rückenwind geht es auch ein wenig schneller!" Bei einer Spannweite von 8,50 Metern ist das UL-Flugzeug nur 6,30 Meter lang und fühlt sich am wohlsten in einer Flughöhe von 1.500 Fuß, also etwa 500 Metern Höhe. "Wir könnten aber auch höher", wissen Luther und Schwirz, "wenn wir beispielsweise in den Alpen fliegen wollten!" Doch ab 3.000 Metern Höhe hat der Gesetzgeber das Mitführen von Sauerstoff vorgeschrieben und außerdem wird die Luft irgendwann so dünn, dass es an Auftrieb fehlt. Günstige Alternative Doch wie kommt man überhaupt auf die Idee, sich ein Flugzeug selbst bauen zu wollen; es gibt sie doch auch schon fertig: "Das liegt klar am Preis. Fertig kostet so ein Trail 85.000 Euro, als Bausatz etwas mehr als die Hälfte!" Bezogen haben sie den Bausatz über den einzigen deutschen Importeur von Nando Groppo, Ronny Schäfer aus Leipzig. Mit dem Support der Firma sind sie sehr zufrieden: "Die Bauanleitung ist nämlich in italienisch geschrieben und da nutzen wir jede Möglichkeit, sie ins Deutsche zu übersetzen!" Dazu pflegen die beiden Flugzeugbauer Kontakte zu befreundeten Italienern und wenn es mal eng wird, gibt es auch Tipps vom Importeur. Ab und zu bekommen die beiden auch Besuch vom Prüfer für Luftfahrt, der aus Porta Westfalica immer dann nach Rinteln kommt, wenn Bauteile irreversibel geschlossen werden sollen. Der Prüfer begleitet am Ende auch den Probeflug mit dem "Trail". Und haben die beiden Angst vor dem Erstflug? Ein klares "Nein" heißt es dazu von Luther und Schwirz, denn zum einen sind sie überzeugt von ihrer Arbeit, schließlich kennen sie jede einzelne Niete, jedes Blech und jedes Schraube im Flieger, zum anderen hat der Gesetzgeber den Ultraleichten für den absoluten Notfall noch einen Fallschirm an Bord vorgeschrieben. Der wird mit einer kleinen Rakete nach oben durch eine extra Aussparung herausgeschleudert und ist in der Lage, den kompletter Flieger mit Insassen sicher zur Erde herunter zu bringen: "Fallgeschwindigkeit sechs Meter pro Sekunde!" Umgerechnet sind das etwas über 20 km/h. Mit Unterstützung Einen Tipp für alle diejenigen, die es ihnen nachmachen möchten, haben Luther und Schwirz auch noch: "Alleine rangehen würden wir an ein solches Projekt nicht!" Zu Zweit mache es viel mehr Spaß, man schaue sich von dem jeweilig anderen ab, wie er Problemstellungen gemeistert habe und außerdem benötige man zwingend eine Halle oder Garage, wo man die Einzelteile ordentlich liegen lassen könne, ohne sie ständig wegräumen zu müssen. Beide wissen von einem Zahnarzt in Köln, der solch einen Flieger im heimischen Wohnzimmer gebaut haben soll: "Alle Achtung; Hut ab!" Das SW bleibt natürlich dran an der Geschichte und begleitet auch den Erstflug von Luther und Schwirz mit ihren "Trails".Foto: ste

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