200 Millionen Jahre alt – und immer noch nicht fertig: Die Alpen sind immer noch im Werden. Jedes Jahr wandern sie im Durchschnitt einen halben Millimeter nach Norden und erheben sich 1,8 Millimeter in die Höhe. Und ich dachte immer: Die Alpen stehen fest. So ein Bergmassiv! Unbeweglich! Ein für alle Mal. Doch da lag ich falsch: Mancherorts rücken die Alpen jährlich sogar 1,3 Millimeter nach Nordosten vor und andernorts heben sie sich über zwei Millimeter im Jahr.
Gewiss kein Grund zur Sorge im Schaumburger Land.
Und doch fallen mir Menschen ein, die dachten, dass etwas feststeht im Leben – und sich getäuscht haben. Der Schulabschluss? Steht doch fest. Die Arbeitsstelle? Bombensicher. Die Ehe? Wie ein Bergmassiv. Manchmal merkt man die Veränderungen kaum. Millimeter für Millimeter verschieben sich die Massen im Leben. Und hin und wieder bricht Geröll ab, gehen Lawinen ins Tal.
Wir sind noch im Werden – egal, wie unbeweglich wir uns vorkommen. Geformt und bewegt jeden Tag – und wenn’s nur Millimeter sind. Spannend, wenn man es an sich bemerkt. Aufregend, wenn man ohne Angst die Verschiebungen der Tektonik zulassen kann. Furchtbar, wenn fest Geglaubtes und Geliebtes abbricht und ins Tal rauscht.
Die Zeit, die uns zum Werden geschenkt ist, liegt etwas unterhalb der 200 Millionen Jahre Alpenalter. Manches geht darum wohl auch schneller, brachialer, spürbarer vonstatten. Wie schön, dass trotzdem in all unserm Werden dennoch eine Wirklichkeit am Werke ist, die sich nicht in Jahren, nicht in Millimetern fassen lässt – und die fest steht. Wie schön, wenn bei aller Veränderung trotzdem Vertrauen möglich ist.
Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.