Schaumburger Wochenblatt
  1. Schießen im Sinne der Tradition?

    Ein Besuch beim Schützenverein Bückeburg / Selbstbeschränkungen auferlegt um Störungen zu vermeiden

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    BÜCKEBURG (wa). Bernhard Reinecke steht hinter dem Schützenstand. In der Hand hält er eine besonders ergonomische, innovative Sportpistole. Buntgefärbt. Rot und blau. Während er fachmännisch seine Pistole beäugt, spricht er mit Hingabe über seinen Sport. Reinecke ist Mitglied beim Schützenverein Bückeburg. Spartenleiter für Pistole. "Die Jugendlichen lernen hier Disziplin", sagt er.

    Schützenvereine sind in Niedersachsen Tradition. Nach Bayern gibt es hier die meisten Vereinsmitglieder. Doch immer öfter gerät das Sportschießen in Verruf. Im April 2002 geschah der erste Amoklauf an einer Schule in Erfurt. Der Täter, 19 Jahre, Sportschütze. Er tötete 16 Menschen und sich selbst. 11. März 2009 - auch der "Amoklauf von Winnenden" bleibt unvergessen. Ein 17-jähriger Schüler erschoss 15 Menschen und sich selbst. Mit der Waffe seines Vaters, einem Sportschützen. Letztes Jahr verurteilte das Gericht den Vater des jungen Todesschützen zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. Er hatte Waffe und Munition nicht ordnungsgemäß wegschlossen aufbewahrt. Damals entfachte sich in Deutschland ein großes Diskussionsfeuer: Waffen sollten nicht mehr zu Hause aufbewahrt werden dürfen, Politiker forderten ein verschärftes Waffenrecht. Schützenvereine fühlten sich diskriminiert. 2011 der nächste Schock: Anders Behring Breivik erschießt auf der Insel Utoya in Norwegen 69 Menschen. Breivik war Mitglied im Schützenverein Oslo und besaß einen Jagdschein.

    Reinecke übt, erzählt er, zu Hause mit einer Wasserflasche in der Hand stehend mit ausgestrecktem Arm möglichst lange zu verharren. Das trainiert. "Das Schießen an sich ist Nebensache", sagt Reinecke. Es gehe in erster Linie um Konzentrationstraining, dass man den Jugendlichen im Verein beibringe. Präzision. Als Sportschütze benötige man Ausdauer, und Kondition. Man müsse sich fit halten. "Beim Sportschützen ist Disziplin das oberste Gebot." Trainiert wird beim Schießstand "Harrl" im Landschaftsschutzgebiet Harrl (Fürstliche Forstamt). Die vor knapp 22 Jahren erbaute Anlage gehört der Stadt Bückeburg. Schießen können die Mitglieder am Luftdruckstand bis 7,5 Joule (Bleikelchgeschosse), Klein- (Munition bis 2000 Joule) und Großkaliberstand (Munition bis 7000 Joule) sowie am Kurzwaffenstand (Munition bis 1500 Joule). An einer Tür prangt ein Hinweisschild: "Schießen nach Rambo-Art und Dauerfeuer sind hier im Schießstand Harrl nicht erwünscht." "Das haben wir hier schon alles gehabt. Einer hat mal ein Foto auf seine Zielscheibe geklebt, den haben wir sofort des Hauses verwiesen", erzählt Rolf Netzer, Vorsitzender im SV. "So jemand hat hier nichts zu suchen."

    Draußen im Innenhof des Schießstandes sitzen die Vereinsmitglieder gesellig Beisammen. Manfred Heitmann, der die Vereinskneipe ehrenamtlich betreibt, serviert Kaffee. Viele kommen "nur so" rum, ohne auf dem Schießstand aktiv zu sein. Vereinsleben eben. Aber der SV Bückeburg ist trotzdem sportlich sehr aktiv: Am 23. August steht das Vogelschießen an. Von Oktober bis Mitte November werden die Vereinsmeisterschaften ausgetragen. 270 Mitglieder zählt der Verein. Das Allgemeinwohl - der Schießstand grenzt direkt an ein Wohngebiet - soll trotz regen Trainings- und Turnierzeiten nicht gestört werden: "Wir haben uns einige Selbstbeschränkungen auferlegt", erklärt Rolf Netzer. Großkalibrige Langwaffen dürfen ab 18 Uhr nicht mehr genutzt werden. Davor nur im Tunnel, damit der Mündungsknall beim Schuss gedämpft wird. Mit großkalibrigen Kurzwaffen dürfen die Mitglieder bis 21 Uhr schießen. An Sonn- und Feiertagen ist das Schießen mit großkalibrigen Waffen (und Munition) nicht gestattet. "Höchstens einmal im Monat kommen Jäger mit Jagdschein zum Schießstand", erklärt Netzer. "Die machen zwei, drei Schuss und sind wieder weg. Mit drei Euro pro Schuss wäre mehr viel zu teuer." Der SV Bückeburg wirbt auf seiner Internetseite mit attraktiven Disziplinen rund um den Schützensport: Luftgewehr, Luftpistole, Kleinkalibergewehr, Sportpistole, Großkaliberpistole, Großkaliberrevolver, Großkalibergewehr, Unterhebelrepetierer, Wurfscheiben, Vorderlader, Lichtpunktgewehr und freie Pistole. Unter 12 Jahren dürfen Kinder mit einem Lichtpunktgewehr im Verein schießen. Ab 12 Jahren mit der Luftdruckwaffe, einer Genehmigung ihrer Eltern und nur unter Aufsicht. Trotzdem: Auch den SV Bückeburg plagen Nachwuchssorgen. Nur noch fünf Jugendliche trainieren am Schießstand. Fluch oder Segen? Halten Sie Schützenvereine noch für zeitgemäß? Sollte das Waffengesetz in Deutschland generell verschärft werden? Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an: sw.redaktion@schaumburger-wochenblatt.de oder per Post an: Schaumburger Wochenblatt, Redaktion, Gutenbergstraße 1, 31552 Rodenberg. Foto: wa

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