Schaumburger Wochenblatt
  1. Nicht nur der Joghurt, auch der Hund soll billig sein

    Der illegale Tierhandel nimmt leider immer weiter zu / Die Tierschützer warnen vor Mogeleien bei Einfuhren

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    BAD NENNDORF (jl). Es ist ein Kampf auf der Spitze des Eisbergs. Und dennoch machen sich Jutta Schneider und Ulf Güber stark, gegen illegalen Tierhandel vorzugehen. Die Vorsitzende des Tierschutzvereins Rodenberg/Bad Nenndorf und der Amtstierarzt werden nicht müde, Hundebesitzer in spe wachzurütteln. Denn oft sei es der Naivität und Billigmentalität der Menschen geschuldet, dass sie auf dubiose Händler hereinfallen. Diese würden zugleich immer gewiefter und täuschten Käufer etwa mit lupenreinen Internetauftritten. Die Fälle steigen, und damit der zeitliche sowie finanzielle Aufwand für die Tierschützer, wie das Duo im Gespräch mit dem Schaumburger Wochenblatt betont. Billigmentalität trifft auch auf den Hundekauf zu "Es wird nicht besser, im Gegenteil: Es wird immer schlimmer", sagt Schneider achselzuckend. "So viele gesicherte und beschlagnahmte Tiere wie in den letzten drei bis vier Jahren hatten wir noch nie. Es ist erschreckend." Güber, der die Zusammenarbeit sowohl mit dem hiesigen Tierschutz als auch den Vereinen in Stadthagen und Bückeburg ausdrücklich lobt, ergänzt: "Auf dem Sektor wird so viel Geld verdient, die wissen wie sie die Sache verschleiern können." Trendhunde werden für wenig Geld aus dem Ausland eingeführt und hierzulande zu verhältnismäßig günstigen Preisen weiterverkauft. Bei einem Zwergspitz, übrigens eine der am meisten illegal eingeführten Rassen, können das immer noch um die 1000 Euro sein. "Die Billigmentalität in der Gesellschaft lässt sich nicht nur auf günstigen Joghurt oder günstiges Fleisch übertragen, sondern auch auf die Hunde", findet der 57-Jährige deutliche Worte. Das Problem: Diese Welpen werden oft zu früh dem Muttertier weggenommen, ungeimpft transportiert und nicht selten krank. Mehr als 500.000 Hunde werden in der EU illegal gehandelt Die Schlepper zu erwischen sei schwierig, sagt Güber, seit 26 Jahren Tierarzt des Landkreises, da sie nicht mit auffälligen Viehwagen, sondern unscheinbaren Transportern oder gar Pkw unterwegs seien. Das belegen auch die vergleichsweise geringen Zahlen aufgedeckter Fälle aus 2017. Demnach wurden in Niedersachsen gerade einmal vier illegale Autobahntransporte gestoppt. Bundesweit waren es immerhin 92 Fälle. Das Erschreckende: Drei Jahre zuvor waren es mit 44 nur halb so viele Fälle. 20 Prozent der unerlaubt eingeführten Hunde stammten aus Rumänien, 19 Prozent aus Ungarn und 15 Prozent aus Bulgarien. Die Dunkelziffer sei horrend, so der Veterinär: "Man geht davon aus, dass innerhalb der EU mit mehr als 500.000 Hunden illegal gehandelt wird." Nicht geimpfte Hunde stellen eine Gefahr dar Vor allem der fehlende Tollwut-Impfschutz birgt ein Risiko. "Wenn das so weitergeht, wird es nicht mehr lange dauern, dann haben wir hier die ersten Fälle", befürchtet Schneider. Die hochgefährliche Viruskrankheit kann vom Tier auf den Menschen übertragen werden, Deutschland gilt - im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern - seit 2008 als tollwutfrei. Erst kürzlich musste ein Zwergspitz beschlagnahmt werden, weil im Heimtierausweis die Tollwutimpfung fehlte. Zudem war der aus Ungarn eingeführte und für stolze 1400 Euro verkaufte Welpe weitaus jünger als die angegebenen und für eine Ausreise erforderlichen 15 Wochen. Eine Tollwut-Impfung wirkt laut Güber erst ab der zwölften Lebenswoche und 21 Tagen brauchen die Hundekinder, bis sie einen vollständigen Impfschutz entwickelt haben. Beschlagnahmte Tiere sind ein immenser Kostenfaktor Werden die kleinen Fellnasen dann mit nur sechs Wochen sichergestellt, müssen sie neun Wochen in Quarantäne bleiben und wegen ihres Alters besondere Aufmerksamkeit der Tierschützer bekommen. Da summierten sich schnell Ausgaben von bis zu 2300 Euro für ein einziges Tier und damit dreimal so viel wie für einen Fundhund, mahnt Schneider. Ein "immenser Kostenfaktor" für die Ämter und den Tierschutz -"von der Zeit darf man gar nicht sprechen". Von den Transporteuren oder Händlern gibt es in der Regel keinen Cent, zu unwirtschaftlich wäre das Geschäft. Rechtlich, erklärt Güber, müsste die Behörde bei Begleichung der entstandenen Kosten die gesunden und geimpften Tiere dem Besitzer wieder aushändigen. Erst nach Ablauf einer gesetzten Frist könne sie sie freigeben. Den Verlust von mehreren Tausend Euro hinnehmen will auch nicht jeder, wie die jüngsten Ereignisse gezeigt haben. Schneider zufolge wurde in die anderen beiden Tierheime in Schaumburg eingebrochen, wenn auch erfolglos. Zuvor, Ende Februar, waren zufällig, weil der Pkw auf der Autobahn eine Panne hatte, 13 verwahrloste Hundewelpen im Auetal beschlagnahmt worden. Ein Junges musste aufgrund seines schlechten Zustands noch am Abend eingeschläfert werden. Die anderen zehn Zwergspitze und zwei Französischen Bulldoggen kamen in die Tierauffangstation Bad Nenndorf und zu den Stadthäger Kollegen. Heimtierausweise müssen nicht stimmen Die ausländischen Transporteure, auf der Durchreise in die Niederlande, waren im Impfpass als Besitzer eingetragen, die Tiere angeblich mindestens 15 Wochen alt. Güber, der vor Ort war, stellte jedoch ein Alter von gerade einmal sechs Wochen fest. "Die Heimtierausweise müssen nicht stimmen was den Besitzer, das Alter und den Impfstatus angeht", kommentiert Schneider den Fall. Sie appelliert daher an Zweibeiner, zweimal hinzuschauen, mehr zu hinterfragen und nicht aus Mitleid zu kaufen. Herr der Lage zu werden sei zwar nicht möglich, so Güber: "Es ist aber meine Aufgabe, zumindest die Spitze zu kappen."

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