Schaumburger Wochenblatt
  1. Nuri empfängt mich in seinem ...

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    Nuri empfängt mich in seinem Salon "NUBA" an der Bahnhofstraße, wofür der Name steht erfahre ich später. Roter Backstein trifft auf rustikales Holzmobiliar und graue Eleganz. Schick, wirklich schick, denke ich und lasse mich herumführen. Das Konzept habe er sich überlegt, verrät der 29-Jährige sichtbar stolz. Trends, dafür habe er ein Händchen. Und fürs Friseurdasein. "Das war eigentlich mein Hobby", lacht er. "Ich habe früher ab und zu Haare geschnitten und die Leute waren immer zufrieden." Wie sich der Schritt in die Selbstständigkeit angefühlt habe? "Ich glaube, jeder hat am Anfang Angst, wenn er sich selbstständig macht", meint Nuri. Seine Familie habe ihn aber unterstützt und auch mit den Geschäftsnachbarn habe er sich schnell angefreundet - wie auf Bestellung kommt sogleich einer vorbei und bringt der vierköpfigen Belegschaft an diesem Abend jeweils ein Eis im Becher. Sein Werdegang der letzten sieben Jahre verdient noch größeren Respekt als ohnehin schon, wenn man hört, was er erlebt hat. Nuri stammt aus Shingal, eine Stadt, die zu den umstrittenen Gebieten des Nordiraks gehört. Er wurde angeschossen. Da stand für ihn fest, dass er sein Heimatland verlassen müsse. Er ging allein. Seine Familie sollte erst später nachkommen. Wie er geflüchtet sei, möchte ich wissen. "Zu Fuß", erzählt er, "über Syrien in die Türkei". 2013 landete er in Bremerhaven. Dort besuchte er sowohl eine Sprachschule als auch die Abendschule, da sein irakisches Abitur nicht anerkannt worden sei. "Ich konnte kein Wort Deutsch", erinnert er sich. Erlernt habe er es schnell, weil "man spricht wie man schreibt". Zwei Jahre lebte er im Norden, ehe er nach Hannover zog, um Friseur zu werden. Mit Erfolg - der junge Mann bewies Talent im Umgang mit Schere, Kamm und Farbe. "Mein Chef hat gesehen, was ich kann, und mich schon im Praktikum gleich Haare schneiden lassen", so Nuri. Er absolvierte eine dreijährige Ausbildung und begann direkt im Anschluss die Meisterschule zu besuchen. Ein Prüfungsteil fehle ihm noch, dann heißt es auch hier: Bestanden. Durch Zufall entdeckte er die leer stehende Ladenfläche in Bad Nenndorf und kontaktierte umgehend den Vermieter. "Ich dachte: Das sieht gut aus, das passt perfekt", erzählt der 29-Jährige. "Es war schon immer mein Traum, etwas zu entwickeln, sich groß zu machen." Mit seinem Bruder Barakat und dessen Freundin Layla, eine Hochsteck- und Make-up-Spezialistin, erfüllt er sich den Wunsch. Daher der Name des Geschäfts, der sich aus den jeweils zwei ersten Buchstaben der Vornamen der Brüder zusammensetzt. Die Geschwister Lina und Anwar helfen zeitweise im Anmeldungsbereich aus. Er sei dankbar für die gute Zusammenarbeit mit seinem Vermieter, erzählt Nuri, habe er doch in vielen Bereichen bei der Umsetzung mitwirken können Das Ergebnis ist sein Lebenstraum, für den er im April 2019 nach Suthfeld zog. Dort lebten mittlerweile seine Eltern, die wie die insgesamt elf Geschwister - ich muss nachfragen, ob ich tatsächlich die richtige Zahl verstanden habe - ebenfalls geflüchtet sind. In seiner Heimat sei es einfach zu gefährlich geworden. Bomben seien explodiert, Häuser zerstört, Frauen vergewaltigt und mit ihren Kindern verschleppt worden. Seine Familie sei davon zwar verschont geblieben, aber: "Alle sind geflüchtet. Es war katastrophal. Alles, was man sich aufgebaut hat, war auf einmal weg." Sein Wille und Ehrgeiz etwas "Größeres zu machen", wie es Nuri formuliert, halfen ihm hierzulande schnell Fuß zu fassen und sich auf etwas Neues zu konzentrieren, das auch das Vergangene in den Hintergrund drängt. Aber die mitunter traumatischen Erinnerungen werden bleiben. "Vergessen kann man das nie", zuckt er mit den Schultern. Und dennoch kann der Neu-Nenndorfer heute sagen: "Ich bin glücklich." Jetzt hofft er, wie er sagt, auch die Leute mit seiner Arbeit glücklich machen zu können. Foto: jl

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