Statistisch gesehen schließe derzeit jeden Tag eine Apotheke in Deutschland und das bedeute für die Patienten auch, dass sie – besonders in ländlich geprägten Regionen – deutlich weitere Wege in Kauf nehmen müssen, um beispielsweise am Wochenende ein Notfallmedikament zu bekommen. Für Rinteln heiße das: „Dann fahren sie beispielsweise bis nach Hameln, Dörentrup oder Lauenau!“ Doch auch schon in der täglichen Versorgung sei der Kipppunkt bereits erreicht und das System „Apotheke“ sei so kränklich, dass es mittelfristig nicht zu halten sei: „Wenn sich innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre nichts grundlegendes ändert, dann schaffen es von den derzeit rund 17.000 Apotheken in Deutschland vielleicht 10.000!“ Die Gründe dafür seien vielfältig. Zum einen ist da die Arzneimittelpreisverordnung, die seit 20 Jahren nicht mehr angepasst worden sei. „Und das bei steigenden Lebenshaltungskosten, Inflation und steigenden Personalkosten“, so Bellwinkel. Zum anderen sei es der Fachkräftemangel und die Überalterung in den Apothekenführungen. Potentielle Nachfolger überlegen es sich ganz genau, ob sie eine Apotheke übernehmen sollen. Bellwinkel befürchtet, dass alleine dadurch rund 600 Apotheken in den nächsten zwei Jahren schließen werden. Die Lieferengpässe verschärfen sich gerade wieder. Immer öfter bleiben die Regale der Apotheken bei bestimmten Medikamenten leer: „Und das kostet Umsatz!“ Löhne und Gehälter in der Produktion von Medikamenten und beim Personal der Apotheken sind ein weiteres Problem und bei der Ausbildung zu Pharmazeutisch-Technischen Assistenten gab es zwar im Herbst letzten Jahres eine kleine Entlastung, doch Geld verdienen die Auszubildenden in den ersten zwei Jahren ihrer Ausbildung nicht. Zu guter Letzt habe der BGH dann auch noch geurteilt, dass Skonto auf verschreibungspflichtige Medikamente nicht erlaubt sei, doch gerade davon hätten viele Apotheken überhaupt nur gelebt, wenn sie bis zu 95 Prozent mit solchen Medikamenten handelten: „Da stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch Kaufmann ist, wenn einem alles Instrumente des Kaufmann-Seins genommen werden“, so Bellwinkel. So könne eine klassische Apotheke mit einem hohen Anteil an verschreibungspflichtigen Medikamenten nicht überleben. Auch das E-Rezept habe die Marktlage verschoben. War es früher üblich, zum Arzt zu gehen, ein Rezept zu bekommen und dann ab in die Apotheke in der Nähe des Arztes, so geht heute viel über Telefon und online und dann möglicherweise auch hin zu Online-Apotheken. Raus aus dem Dilemma komme man nur durch eine Änderung der Arzeimittelpreisverordnung, durch höhere Erträge und somit der Möglichkeit einer besseren Bezahlung der Mitarbeitenden, durch Behebung der Lieferengpässe durch eine eigene europäische Medikamentenproduktion und Bürokratieabbau: „Man muss mit Arzneimitteln wieder wirtschaften dürfen!“